Begriff · Psychologie
Was ist die Tradingpsychologie?
Tradingpsychologie: Definition, Beispiele und wie Profis aus dem Podcast damit umgehen.
Kurz erklärt
Die Tradingpsychologie ist der Teil des Tradings, der sich mit Gefühlen, Denkfehlern und Verhalten beim Handeln an der Börse beschäftigt. Angst, Gier, FOMO und fehlende Disziplin führen dazu, dass Trader von ihren eigenen Regeln abweichen. Ziel ist nicht, Emotionen abzuschalten, sondern sie zu erkennen und trotzdem nach Plan zu handeln.
Tradingpsychologie: Definition und Erklärung
Die Tradingpsychologie beschäftigt sich damit, wie Gefühle und Denkmuster die Entscheidungen von Tradern und Anlegern beeinflussen. Im Englischen spricht man von Trading Psychology. Eng verwandt ist die Behavioral Finance, die solche Verhaltensmuster wissenschaftlich untersucht.
Der Kern des Problems: Eine Strategie kann auf dem Papier funktionieren und trotzdem scheitern, weil der Mensch sie nicht umsetzt. Wer nach einem Verlust den Stopp verschiebt, aus Angst einen Gewinn zu früh mitnimmt oder aus Gier eine Position zu groß wählt, handelt gegen die eigenen Regeln.
Typische Treiber sind Angst, Gier und FOMO (Fear of Missing Out), also die Angst, eine Kursbewegung zu verpassen. Dazu kommen bekannte Denkfehler wie Selbstüberschätzung oder die Neigung, Verluste länger laufen zu lassen als Gewinne.
Tradingpsychologie: wie Emotionen das Ergebnis verändern
Emotionen wirken vor allem an drei Stellen: beim Einstieg, beim Umgang mit Verlusten und beim Mitnehmen von Gewinnen. Die Verhaltensökonomie beschreibt mit der Verlustaversion, dass Verluste psychologisch etwa doppelt so stark wiegen wie gleich hohe Gewinne. Deshalb fällt es so schwer, einen Verlust zu realisieren, und so leicht, einen kleinen Gewinn mitzunehmen.
Ein Beispiel mit derselben Strategie: 10 Trades, davon 5 Gewinner und 5 Verlierer. Geplant sind 1.000 Euro Verlust pro Stopp und 2.000 Euro Gewinn pro Ziel.
| Gewinne nach Plan (5 × 2.000 €) | 10.000 € |
|---|---|
| Verluste nach Plan (5 × 1.000 €) | −5.000 € |
| Ergebnis nach Plan | +5.000 € |
Nun verschiebt der Trader aus Angst vor dem Verlust den Stopp, bis er erst bei 2.500 Euro Minus aussteigt. Und aus Angst, den Gewinn wieder herzugeben, verkauft er schon bei 800 Euro Plus.
| Gewinne mit Emotionen (5 × 800 €) | 4.000 € |
|---|---|
| Verluste mit Emotionen (5 × 2.500 €) | −12.500 € |
| Ergebnis mit Emotionen | −8.500 € |
Das Beispiel ist bewusst zugespitzt. Es zeigt aber das Muster: Trefferquote und Strategie sind gleich geblieben, nur das Verhalten hat sich geändert.
Tradingpsychologie in der Praxis
Profis versuchen nicht, gefühllos zu werden. Sie versuchen, Situationen zu vermeiden, in denen Gefühle die Kontrolle übernehmen. Die wichtigste Regel: Entscheidungen vor dem Trade treffen, nicht währenddessen.
Bewährte Werkzeuge:
- ein schriftlicher Handelsplan mit Einstieg, Stopp und Ziel vor jeder Order,
- eine Positionsgröße, bei der ein einzelner Verlust nicht wehtut,
- ein Trading-Journal, das neben Zahlen auch Stimmung und Regelbrüche festhält,
- feste Pausen nach mehreren Verlusten in Folge oder nach einem ungewöhnlich großen Gewinn,
- Stopp- und Limit-Orders direkt beim Einstieg, damit spätere Entscheidungen gar nicht erst anfallen.
Wer ständig auf Kurse schaut oder nachts über Positionen grübelt, hat oft zu viel Risiko im Markt. Das ist meist ein Signal für kleinere Positionen, nicht für mehr Willenskraft.
Tradingpsychologie bei [Bulle & Mensch]
Bei [Bulle & Mensch] ist die Tradingpsychologie ein Thema, das fast jeder Gast von selbst anspricht. Robin Kömel hält sie für den Aspekt, den viele Trader unterschätzen. Oliver Klemm nennt die Unfähigkeit, sich an die eigenen Regeln zu halten, die Hauptausrede und reine Psychologie. David Pieper sieht hinter Gier und Angst im Kern nur Angst, Larissa Kravitz zählt FOMO zu den größten Gefahren am Kapitalmarkt, und Manuel Stier beobachtet im Edelmetallhandel, dass die Nachfrage gerade bei stark steigenden Kursen zunimmt.
Wie man damit umgeht, sehen die Gäste unterschiedlich. Thomas Sparkojote setzt auf Selbstdisziplin, die man trainieren kann. André Doerk und Mirco Recksiek haben gelernt, dass Disziplin leichter fällt, wenn Strategie und Regeln zum eigenen Charakter passen. Dr. Raimund Schriek beschreibt sich als emotionalen Menschen, der bewusst Schutzregeln braucht. Und Gregor Labahn widerspricht der Idee, Emotionen hätten an der Börse nichts zu suchen: Für ihn zeigen sie an, ob man gerade handlungsfähig ist.
💬 Was unsere Gäste über Tradingpsychologie sagen
Wörtliche Aussagen aus den Originalgesprächen von [Bulle & Mensch]. Sie geben die Sicht der jeweiligen Gesprächspartner wieder, nur Füllwörter wurden entfernt. Die Sprungmarke führt an die Stelle im Video.
Unterschiedliche Perspektiven
| Gast | Ansatz |
|---|---|
| Dr. Dr. Rainer Zitelmann | Odysseus-Strategie: sich mental fesseln, nichts tun |
| Larissa Kravitz | FOMO als eine der größten Gefahren |
| Oliver Klemm | Regelbrüche sind reine Psychologie |
| Tristan Post | Märkte sind nicht effizient – Anleger folgen Hypes |
| Mirco Recksiek | Aufregung verdrängt Disziplin |
| Dr. Raimund Schriek | Als emotionaler Mensch Schutzregeln bauen |
| Michael Kranich | Aus Bauchentscheidung gegen das System gelernt |
| Christoph Gum | In der Panik halten statt perfektes Tief suchen |
| Christian Jagd | Kontrollillusion ablegen, Fehler ehrlich eingestehen |
| André Doerk | Strategie so wählen, dass Disziplin leichtfällt |
| Robin Kömel | Die emotionale Wirkung wird unterschätzt |
| Gregor Labahn | Emotionen als Statusanzeige, nicht als Feind |
| David Pieper | Gier ist auch nur eine Form der Angst |
| Manuel Stier | FOMO: Nachfrage steigt mit dem Kurs |
| Thomas Sparkojote | Selbstkontrolle lässt sich trainieren |
Die Aussagen im Wortlaut
Odysseus-Strategie: sich mental fesseln, nichts tun
„Die Odysseus-Strategie. Odysseus ist ja der, der sich selbst gefesselt hat, dass er den Sirenenklängen nicht folgt. Und heißt für mich, dass sich der Investor mental selbst fesselt und zwingt, nichts zu machen.“
FOMO als eine der größten Gefahren
„FOMO halte ich für eine der größten Gefahren am Kapitalmarkt. Overconfidence oder FOMO. FOMO ist auch ein massiver Treiber am Kapitalmarkt. Da habe ich schon teilweise wirklich unter FOMO gelitten.“
Regelbrüche sind reine Psychologie
„Die Hauptausrede ist, ich kann mich nicht an meine eigenen Regeln halten. Reine Psychologie. Und Algorithmen haben keine Psychologie.“
Märkte sind nicht effizient – Anleger folgen Hypes
„Aber dann hast du irgendwann mal so was wie Behavioral Economics und du siehst, kann nicht sein. […] dass es einfach nicht so ist und dass wir sehr stark Hypes folgen oder nicht folgen. Und das sehe ich gerade sehr stark.“
Aufregung verdrängt Disziplin
„Die Disziplin, die Ordnung, erstmal Informationen zu sammeln, sich ne Strategie zu machen. Alles weggewischt, weil es war so neu, es war so aufregend, ich hab einfach losgelegt. […] ab 2018, 2019, war es absolut geile Erfolgsstory, weil ich auch einfach viel disziplinierter war.“
Als emotionaler Mensch Schutzregeln bauen
„Man kann Menschen da auch nicht vergleichen. Ich bin eher emotional und als emotionaler Mensch muss ich schauen, wie kann ich damit umgehen, dass ich keinen Quatsch mache?“
Aus Bauchentscheidung gegen das System gelernt
„Meine Ampel hatte gesagt Grün trotz alledem, und ich habe gesagt: Nee, das ist mir zu heiß. Hab dann auch alles verkauft im Wikifolio, bin auf Short gegangen […]. Und dann habe ich gesagt: Nee, Michael, so kannst du nicht weitermachen. Vertraue dem System.“
In der Panik halten statt perfektes Tief suchen
„Wenn alle Panik haben, einfach zu halten. Ich habe niemanden erlebt, der den perfekten Trade unten erwischt hat. […] Es geht darum, keinen Fehler zu machen.“
Kontrollillusion ablegen, Fehler ehrlich eingestehen
„Die Börse konfrontiert uns ja ständig mit diesen Dingen. Diese Kontrollillusion, die man vielleicht in der Alltagslogik hat, die funktioniert an der Börse einfach nicht. Und da muss man dann auch so ehrlich eben zu sich selber dann auch sein und sagen, nee, das war es jetzt nicht.“
Strategie so wählen, dass Disziplin leichtfällt
„Wenn ich ständig hohe Volatilität habe, dann bin ich nervös und dann bin ich nicht diszipliniert und dann kann ich nicht erfolgreich sein. Sowas muss man einfach erkennen. […] ich muss mir eine Strategie suchen, wo das eben abgestellt ist, wo das nicht passiert, damit diese Trigger für meine Disziplinlosigkeit nicht kommen.“
Die emotionale Wirkung wird unterschätzt
„Und ich denke, das ist auch ein ganz wichtiger Aspekt generell, was die Tradingpsychologie angeht. Das ist ein Ding, was sehr viele Leute unterschätzen, was das Trading eigentlich mit einem macht, was solche Gewinne oder Verluste mit einem machen, emotional.“
Emotionen als Statusanzeige, nicht als Feind
„Emotionen geben dir gewissermaßen den Status darüber, ob du operativ handeln kannst oder nicht. Weil auch Euphorie ist ein Status, von dem ich sagen würde, der ist kein guter Ratgeber.“
Gier ist auch nur eine Form der Angst
„Dieses Gier und Angst, ich sage eigentlich Angst und Angst. Eigentlich ist es nur die Angst, die die Leute beherrscht, weil die Gier ist ja auch eine Form der Angst. Und die ist so tief in uns drin.“
FOMO: Nachfrage steigt mit dem Kurs
„Was aber sehr interessant auch zu sehen ist, dass bei uns die Nachfrage stark zunimmt, je exponentieller der Kurs steigt. Das würde ich begründen mit diesem typischen FOMO-Effekt, diesem Fear of Missing Out, dass viele Leute Angst haben, spät auf den Zug noch aufzuspringen.“
Selbstkontrolle lässt sich trainieren
„Weil in der Regel deine Emotionen sind dafür da, dich zum Handeln zu bewegen. […] Für viele Angst, Gier, FOMO. […] es geht darum, sich selber unter Kontrolle zu haben. Und ich sage nicht, dass ich das perfekt kann, aber es ist etwas, was man sich antrainieren kann auf jeden Fall.“
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