[Bulle & Mensch]
Folge 31 · 1 Buchtipp

Daytrading seit 44 Jahren: Oliver Klemms Regeln

44 Jahre Börse, über 1,5 Millionen Trades: Trading Coach Oliver Klemm erklärt, warum er Preis und Volumen statt Bilanzen liest und wieso seine wichtigste Regel simpel ist: der Struktur folgen, nie dagegenhalten.

Über 2.000 Leute bewarben sich damals bei der Deutschen Bank, 93 wurden genommen, 27 davon wollten in die Börsenabteilung. Die Bank nahm einen, Oliver Klemm. Sein Chef sagte ihm, der Schnellste habe drei Jahre gebraucht, um den Markt lesen zu lernen. Er schaffte es nach eigener Aussage in sechs Monaten.

Heute handelt er fast nur den DAX-Future, dreimal pro Woche von 8 bis 12 Uhr. Er arbeitet mit Market Profile und Volume Profile, legt vor dem Start Unterstützungen, Widerstände, VWAP und Value Area fest, analysiert im 15-Minuten-Chart und steigt im 1- oder 3-Minuten-Chart ein. Long geht er, solange der Markt höhere Hochs und höhere Tiefs bildet. Seine Trades dauern meist 7 bis 15 Minuten, zwei Drittel jeder Position laufen auf ein festes Ziel.

„Wenn du mir das Fundamental erklären kannst, bist du mein Held. Du kannst es mir nicht fundamental erklären. Es ist reines Angebot und Nachfrage.“
– Oliver Klemm

Die wichtigsten Erkenntnisse

Sein Regelwerk, 7 Punkte: Auswahl 1 · Einstieg 2 · Risiko 2 · Routine 1 · Psychologie 1

  • RegelAuswahlNur der Chart zähltKlare Aussage

    Kein Fundamentalanalyst: „Ich habe immer nach Charts gehandelt“. Preise bewegen sich für ihn ausschließlich aufgrund von Angebot und Nachfrage, nicht aufgrund von Bilanzen oder Nachrichten.

    Oliver Klemm · bei 4:19

    Zitat & Begründung
    „Preise bewegen sich nur aufgrund von Angebot und Nachfrage. Und das kannst du im Markt sehen.“ ▶ 4:19
    1. Warum eine Aktie sich in Monaten verdreifacht und wieder halbiert, erklärt keine Kennzahl.
    2. Ob die gemeldeten Zahlen echt sind, weiß man oft nicht, siehe Wirecard.
    3. Jede Information und jede Meinung landet als Kauf oder Verkauf im Chart.
  • RegelEinstiegEchtzeit statt nachlaufender IndikatorenKlare Aussage

    Market Profile statt Indikatoren: Seit 27 Jahren arbeitet er mit Market- und Volume-Profile: Unterstützung, Widerstand, VWAP und Value Area statt nachlaufender Indikatoren: „Ich benutze zum Beispiel keinerlei Indikatoren mehr, weil das Nachlaufen des Zeugs ist.“

    Oliver Klemm · bei 1:17:05

    Zitat & Begründung
    „Ich benutze zum Beispiel keinerlei Indikatoren mehr, weil das Nachlaufen des Zeugs ist.“ ▶ 1:17:05
    1. Volumenprofil, Kerzen und Point of Control bilden sich in Echtzeit.
    2. Vor dem Handel legt er fest, an welchen Unterstützungen, Widerständen und Value-Area-Grenzen er aktiv wird.
    3. Er hat fast alles ausprobiert und nur wenig davon behalten.
  • RegelEinstiegAußenstab als RichtungssignalSchluss jenseits der Vorkerze

    „Außenstäbe“ als Kernsignal: Schließt eine Kerze über dem Hoch bzw. unter dem Tief der vorherigen, ist das für ihn eines der wichtigsten Muster im Chart.

    Oliver Klemm · bei 1:22:13

    Zitat & Begründung
    „ich erwarte von einer Kerze, die für mich ideal ist, einen Schlusskurs höher als der Höhepunkt“ ▶ 1:22:13
    1. Ein Außenstab zeigt ihm, dass sich die Fahrtrichtung geändert hat.
    2. Er färbt diese Kerzen grell ein, damit er sie sofort sieht.
    3. Er handelt im 1- und 3-Minuten-Chart, die Analyse läuft im 15-Minuten-Chart.
  • RegelRisikoHarte Verlustgrenzen30 Punkte Stopp30.000 € pro TagKlare Aussage

    Diszipliniertes Risikomanagement: Maximal 30 Punkte Stopp im DAX-Future, maximal 30.000 Euro Tagesverlust. Die Regel führte er erst nach einem 368.000-Euro-Verlusttag ein.

    Oliver Klemm · bei 1:59:28

    Zitat & Begründung
    „Ich habe gesagt, ich werde nie mehr an einem Tag mehr als 30.000 Euro verlieren.“ ▶ 1:59:28
    1. Die 30 Punkte sind nur der Panikstopp, meist ist er nach 8 bis 15 Punkten raus.
    2. Die Tagesgrenze kam nach 368.000 Euro Verlust an einem Tag, weil er dagegen gehalten hatte.
    3. Ohne Regel war das für ihn nur noch ein Spiel.
  • RegelRoutineEin Markt, vier Stunden3× die Woche8 bis 12 Uhr

    Fokus vor Breite: Nach 44 Jahren und über 1,5 Millionen Trades handelt er fast nur noch den DAX-Future, in der Regel dreimal die Woche von 8 bis 12 Uhr. Länger als drei, vier Stunden hält sein Fokus nicht.

    Oliver Klemm · bei 43:32

    Zitat & Begründung
    „Ich kann nicht auf drei Sachen gleichzeitig gucken.“ ▶ 43:32
    1. Fokus ist für ihn neben Disziplin das Wichtigste.
    2. Nach drei bis vier Stunden Handel ist er mental nicht mehr konzentriert.
    3. Außerhalb seiner Handelszeit interessiert ihn der Markt nicht.
  • RegelPsychologieFolgen statt dagegenhaltenKlare Aussage

    Struktur vor Meinung: „Das ist das Schwierigste, weil wir wollen ja immer wissen, ich glaube, das ist oben“. Seine wichtigste Lektion war, nicht gegen die erkannte Marktstruktur zu halten.

    Oliver Klemm · bei 1:08:03

    Zitat & Begründung
    „Das alles zu vergessen und einfach zu sagen, solange die Bewegung intakt ist, folge ich der Bewegung.“ ▶ 1:08:03
    1. Früher hielt er nach 100 Punkten Gewinn dagegen und wartete vergeblich auf den Rücklauf.
    2. Heute laufen Märkte schneller von A nach B, wer dagegen hält, wird überrollt.
    3. Seine Meinung gilt nur, bis der Markt einen anderen Kurs handelt.
  • RätRisikoErst überleben, dann verdienen

    Erst überleben, dann verdienen: Wer sich nicht an seine Regeln und sein Risikomanagement hält, hat an der Börse nichts verloren. Ein Kursteilnehmer hatte vorher 400.000 Euro verloren und holte sie in dreieinhalb Jahren diszipliniert zurück.

    Oliver Klemm · bei 1:46:03

    Zitat & Begründung
    „dich ganz klar an deine Regeln halten mit deinem Risikomanagement und muss dadurch wissen, dass du, egal was passiert, überlebst“ ▶ 1:46:03
    1. Wer aus Rache gegen den Markt handelt, macht sich kaputt.
    2. Nur fünf bis zehn Prozent schaffen es, der Rest hält sich nicht an die eigenen Regeln.
    3. Ein Kursteilnehmer hatte vorher 800.000 Euro verloren, bevor er es lernen wollte.

Meinungen von Oliver Klemm aus dem Gespräch, keine Anlageberatung. Zitate wörtlich, die Zeitmarke springt zur Stelle im Video.

Wie Oliver Klemm sein Trading-System entwickelt hat

Als Oliver Klemm bei der Deutschen Bank anfing, war sein Vater gerade mit 49 Jahren gestorben. Er wollte schnell Geld verdienen und fragte jeden Händler, woran er steigende und fallende Märkte erkennt. Er kam um 7 Uhr und ging um 11 Uhr abends, den Computer der Börsenabteilung gab es für ihn nur zwischen 18 Uhr und 7 Uhr morgens. Einem Händler zeichnete er jeden Abend um 22 Uhr, wenn New York schloss, Point-&-Figure-Charts für über 100 US-Unternehmen.

Er probierte die Ansätze der Turtles, von Larry Williams und Jake Bernstein, fuhr zu Seminaren des Hoppenstedt-Verlags nach Darmstadt und zahlte 5.000 Mark im Monat für Tagesschlusskurse. Sein Chef erwartete von einem Profihändler, das eingesetzte Kapital pro Jahr zu verdoppeln.

2000 und 2001 arbeitete er in seiner eigenen Wertpapierhandelsbank, in einem Monat der größte Marktteilnehmer in Frankfurt. Kunden wie JP Morgan Asset Management, Fidelity und UBS ließen ihn gegen ihre ersten Algorithmen antreten, etwa mit dem Auftrag, über sechs Stunden eine Million Commerzbank-Aktien zu kaufen. War er schlechter als der Algorithmus, war die Order weg. Verkaufen musste er die Firma, als das Finanzamt für ein Quartal eine Million und seine Steuermodelle ein bis zwei Millionen aus dem Firmenkapital forderten. Sein Anteil war vorher 40 Millionen wert, er bekam 200.000 Euro dafür.

Sein größter Fehler früher war, eine Bewegung mitzunehmen und dann dagegenzuhalten. An einem Tag hielt er mit 90 Futures gegen einen Markt, der intraday höchstens 8 Punkte zurücklief, und verlor 368.000 Euro. Am nächsten Tag setzte er sich die Grenze von 30.000 Euro Tagesverlust, damals rund 3 Prozent seines Kapitals.

So funktioniert Oliver Klemms Struktur-Strategie

Oliver Klemm handelt fast nur den FDAX, gelegentlich Nasdaq, S&P oder einen Gold- oder Ölfuture. Auf drei Märkte gleichzeitig kann er nicht schauen, und mit fast 63 Jahren lässt sein Fokus nach drei bis vier Stunden nach. Deshalb sitzt er dreimal pro Woche von 8 bis 12 Uhr am Schirm. Nachrichten und eine Squawk-Box laufen mit, damit er reagieren kann, bevor der Markt es weiß.

Vor dem Start legt er seine Marken fest, also Unterstützungen, Widerstände, volumengewichtete Durchschnitte sowie Value Area High und Low. Dann prüft er, ob der Markt höhere Hochs und höhere Tiefs bildet oder tiefere, und ob jede Kerze Preisfortschritt zeigt. Ein Markt im Gleichgewicht interessiert ihn nicht, Geld verdient er nur, wenn der Preis nach Nordosten oder Südosten läuft. Den 30-Minuten- und den Stundenchart schaut er regelmäßig an, entscheidet danach aber nie, weil die Stops dort viel zu weit wären.

Um 9 Uhr öffnet Xetra. Er misst die Spanne der ersten 3-Minuten-Kerze, der ersten 15 Minuten und der ersten Stunde, hohes Volumen heißt hohes Interesse. Bricht der Markt aus der Value Area des Vortags und der Intraday-Value-Area aus, hat er einen positiven Bias und folgt dem Trend bis zum Beweis des Gegenteils. War der Markt oben draußen, kauft er oft bei Rücksetzern an Zonen oder tiefen Kerzen nach, heute sagt man Order Blocks dazu.

Jede Order hat ein Ziel, das für zwei Drittel feststeht, bei sehr dynamischem Markt bleibt ein Rest als Läufer. Die 30 Punkte im DAX sind sein Panikstop, meist geht er nach 8, 12 oder 15 Punkten Verlust raus. Zu den drei Dingen, die ein Trader für ihn können muss, gehört, unter Druck bis vier zu zählen, also zu sehen, ob schon vier Kerzen da sind.

Oliver Klemm als Mensch zwischen Fleiß, Rückschlägen und Dankbarkeit

„Geld ist eine Lupe. Wenn du ein schlechter Mensch bist und du hast besonders viel Geld, dann bist du ein besonders schlechter Mensch.“
– Oliver Klemm

Die härtesten Phasen waren für Oliver Klemm privat. Nach einer Scheidung konnte er seine Kinder einmal drei Jahre lang nicht sehen, das merkte er in der Performance. Als er vor 19 Jahren nach Zypern kam, konnte er nach einem Schlaganfall nicht einmal um sein Haus laufen. Später schaffte er bei einem Marathon 35 Kilometer, dann war die Zeit vorbei. Mit 40 wollte er aufhören zu arbeiten, mit 50 arbeitete er immer noch, und er zweifelte.

Einen emotionalen Tiefpunkt durch das Trading verneint er. Nach dem Firmenverkauf gab es Tage, an denen er nichts zu essen hatte, und Leute, die früher auf seine Kosten feierten, kannten ihn nicht mehr. Gelernt hat er daraus, dass man durch harte Arbeit aus jedem Loch wieder herauskommt.

Jeden Morgen macht er Dankbarkeitsübungen, jeden Abend schreibt er drei Dinge auf, die er am nächsten Tag erledigt. Früher war er nach eigener Aussage ein ziemlich negativer Mensch, nach dem Tod seines Vaters ein brutaler Atheist. Heute nennt er sich gläubig und war auf Workshops von Joe Dispenza. Seine Kunden schicken ihm Tradingpläne und Journale, er schickt sie mit Verbesserungsvorschlägen zurück.

Seine Kunden würden auf den Zettel am Bildschirm „Folge den Außenstäben“ schreiben, sagt er. Er selbst schreibt „Folge der Struktur“, plakativ auch „nie dagegenhalten“.

Was das für dich heißt

Oliver Klemm handelt seit 44 Jahren nach demselben Prinzip. Spannender als seine Methode ist sein Verhalten:

  • Er legt seine Marken fest, bevor der Handel beginnt. Suchst du deine Einstiege vorher, oder erst, wenn sich der Kurs schon bewegt?
  • Er hat eine Grenze pro Trade und eine pro Tag: höchstens 30 Punkte Stopp, höchstens 30.000 Euro Tagesverlust. Weißt du, ab welchem Verlust dein Handelstag vorbei ist?
  • Er hält nicht gegen die Marktstruktur, auch wenn er eine Meinung hat. Wann hast du zuletzt eine Position gehalten, weil du recht haben wolltest?
  • Er handelt nur an drei Vormittagen pro Woche. Handelst du, weil ein Setup da ist, oder weil du gerade Zeit hast?

Seine Positionen

Welche Anlagen Oliver Klemm im Gespräch nennt: was er hält, kritisch sieht oder meidet (Stand: Aufnahme im August 2026).

  • HältDAX-Futurefast ausschließlich, intraday49:58
    Zitat
    „Also mein Maximum-Stopp, absolute Maximum ist 30 Punkte im Dax.“
  • HältRohstoff-Futuresdann und wann Gold, Öl42:57
    Zitat
    „und auch dann und wann mal Rohstoffe. Also mal ein Goldfuture, ein Ölfuture.“
  • SkeptischHalbleiter-AktienAnstieg passt nicht zur Realität25:11
    Zitat
    „Der Preisanstieg passt nicht zu dem, was wirklich passiert auf dieser Welt.“
  • SkeptischSilberbei 120 überteuert26:18
    Zitat
    „Da musst du dir an den Kopf fassen, wenn du da Silber kaufst.“
  • SkeptischGoldbei 5.800 überteuert26:18
    Zitat
    „Gold bei 5.800, Öl jetzt zwei Mal bei 120. Da musst du doch verrückt sein“
  • SkeptischÖlbei 120 nur Panikkäufe26:18
    Zitat
    „Da musst du doch verrückt sein, wer da Öl kauft.“
  • SkeptischSpaceXPreis halbiert nach Hype4:51
    Zitat
    „Erklär mir mal, warum sich SpaceX halbiert hat.“

Meinungen aus dem Gespräch, keine Anlageberatung. Zitate wörtlich, die Zeitmarke springt zur Stelle im Video.

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Oliver Klemm wuchs mit dem Wirtschaftsteil der FAZ am Frühstückstisch auf. Sein Vater, Staatsanwalt, richtete ihm mit zehn Jahren einen Dauerauftrag in eine sechsprozentige Anleihe ein. Zu langweilig, fand Oliver, er wollte Aktien.

Aus den Kommentaren

Mehr Erfahrungen →
Oliver KlemmGast
Danke für das tolle Gespräch! Wir hätten locker noch ein paar Stunden weitermachen können. Allen viel Erfolg an den Märkten 👍
@JanS-g7l
Interessantes und lehrreiches Gespräch, dass tiefe Einblicke gewährt, wie die Börse wirklich funktioniert.
Wow! Fing an als Trading Philosophie und entpuppte sich als Lebensphilosophie! Noch nie zuvor von Olli gehört. …
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