[Bulle & Mensch]
Folge 22 · 1 Buchtipp

Trading-System aus 30 Jahren Börse: Christian Jagd

30 Jahre Börse, zwölf Jahre öffentliches wikifolio: Christian Jagd zeigt, wie ein multistrategisches System aus Trend, Relative Value und Event-Trades funktioniert und warum Disziplin dabei mehr zählt als Analyse.

Seine ersten Aktienorders schickte Christian Jagd per Fax an Consors, die Bestätigung mit dem Ausführungskurs kam rund drei Stunden später. Als Xetra-Händler hatte er Jahre danach mit jedem Klick eine halbe Million Euro unter der Taste. Seit März 2014 führt er das Musterdepot Matrix Trend* auf wikifolio. Am 9. Juni 2026 steht es bei plus 19,3 Prozent pro Jahr.

Im Gespräch legt er sein multistrategisches System offen. Trendpositionen von der Region bis zur Einzelaktie, Relative-Value-Paare wie Europa short gegen USA long und Event-Trades rund um Quartalszahlen liegen im selben Depot. Die relative Stärke einer Aktie gegenüber Markt oder Branche zeigt ihm, ob er eine Position stehen lässt, verkleinert oder schließt. Die Charttechnik liefert das Timing.

„Die Börse konfrontiert uns ja ständig mit diesen Dingen. Diese Kontrollillusion, die man vielleicht in der Alltagslogik hat, die funktioniert an der Börse. Einfach nicht.“
– Christian Jagd

Die wichtigsten Erkenntnisse

  • RätErfahrung

    Erfahrung schärft, schützt aber nicht: 30 Jahre am Markt (Neuer Markt, Finanzkrise, Corona, KI-Welle) schärfen den Instinkt für Übertreibungen, bewahren aber nicht vor Fehlern.

    Christian Jagd · bei 2:09:12

    Zitat & Begründung
    „auch ich der schon dreißig Jahre dabei ist auch mich überrascht jeden tag immer wieder neue dinge“ ▶ 2:09:12
    1. Den Neuen Markt, die Finanzkrise als Xetra-Händler und Corona hat er selbst miterlebt.
    2. Beim Crash des Neuen Marktes bewahrte ihn nach eigener Aussage die Charttechnik vor dem Gröbsten.
    3. Fehler gehören für ihn trotzdem dazu, auch im professionellen Handel hat er Lehrgeld bezahlt.
  • RegelMultistrategieAktie

    Multistrategisch statt Eine-These-Portfolio: direktionale Trends, Relative-Value-Ansätze und Event-Strategien liegen bei Christian Jagd im selben Werkzeugkasten.

    Christian Jagd · bei 53:30

    Zitat & Begründung
    „also die große Überschrift würde ich sagen ist multistrategisch. Also ich versuche wirklich in meinen Strategien relativ offen zu bleiben.“ ▶ 53:30
    1. Direktionale Strategien folgen dem Trend, vom Markt über den Sektor bis zur einzelnen Aktie.
    2. Relative-Value-Ansätze nutzt er eher in kritischen Phasen, etwa Europa short und USA long.
    3. Event-Strategien setzen auf Quartalszahlen, Studienergebnisse oder aktivistische Investoren.
  • RegelRelative StärkeAktieKlare Aussage

    Relative Stärke ist der Kern: was beim Fallen weniger nachgibt und beim Turnaround überproportional steigt, ist für ihn das belastbare Signal.

    Christian Jagd · bei 1:04:53

    Zitat & Begründung
    „da ist die relative Stärke schon immer ein sehr guter Hinweisgeber“ ▶ 1:04:53
    1. Er schaut, ob eine Position beim Fallen weniger leidet und in der Gegenbewegung stärker steigt.
    2. Steht sie nach einem scharfen Abschwung bei plus minus null, lässt er sie stehen.
    3. Leidet eine Position übermäßig, verkleinert er sie in Etappen.
  • RätFehler korrigierenKlare Aussage

    Fehler sofort korrigieren: „Mist gebaut, sofort korrigieren“. Also raus, Restart, neu schauen, statt auf Bestätigung zu hoffen.

    Christian Jagd · bei 26:38

    Zitat & Begründung
    „Wenn man feststellt, okay, Mist gebaut, sofort korrigieren. Da hilft dann kein Hoffen, Bangen, sonst irgendwas.“ ▶ 26:38
    1. Das hat ihm sein Chef im professionellen Handel mitgegeben.
    2. Hat sich die These nicht erfüllt, geht er raus und schaut neu. Wieder einsteigen kann man jederzeit.
    3. Den Fehler einzugestehen kratzt am Stolz, das findet er bis heute mit das Schwerste.
  • RegelPositionsgrößePositionsgrößemax. 5 %Klare Aussage

    Positionsgröße als Risikobremse: maximal 5 % pro Position, typischerweise 70-80 Werte, Cashquote selten über 10 %.

    Christian Jagd · bei 51:21

    Zitat & Begründung
    „Ich bin also so gut wie nie über fünf Prozent in einer Position.“ ▶ 51:21
    1. Aktuell hält er 70 bis 80 Werte in seinen Depots und im wikifolio.
    2. Kleine Positionen machen ihm weniger psychologischen Druck, ein Verlust tut dann kaum weh.
    3. Seine Cashquote liegt selten über 10 %, frei gewordenes Geld steckt er schnell in die nächste Chance.
  • RegelFallen AngelsAktie

    Fallen Angel oder tote Katze: bei ausgebombten Werten unterscheidet er sauber zwischen echter Bodenbildung und einem Dead-Cat-Bounce, bei dem jede Aufwärtsbewegung sofort wieder abverkauft wird.

    Christian Jagd · bei 1:17:28

    Zitat & Begründung
    „tote Katze dead cat bounce sozusagen wo dann auch sofort jede kleinste Bewegung nach oben auch wieder abverkauft wird“ ▶ 1:17:28
    1. Bei ausgebombten Werten prüft er, ob er dem Management eine Wende zutraut.
    2. Kurze Bewegungen bringen dort schnell viele Prozente, deshalb begleitet er solche Werte eng mit persönlichen Limits.
    3. Amazon, Nvidia und Apple waren für ihn auch einmal Fallen Angels.
  • RätZweifelKlare Aussage

    Zweifel ist der Edge: „Ertrage den Zweifel.“ Wer sich einer Position zu 100 % sicher ist, hat aufgehört zu beobachten.

    Christian Jagd · bei 2:09:12

    Zitat & Begründung
    „ich finde diesen sich den zweifel zu bewahren den zweifel zu ertragen das ist das wichtigste“ ▶ 2:09:12
    1. Auf die Frage nach dem einen Satz für den Bildschirm antwortet er: „Ertrage den Zweifel.“
    2. Ein mulmiges Gefühl hält für ihn das Gespür wach.
    3. Bei Wirecard sah er viele, die an ihrer Position festhielten. An der Börse gilt für ihn das Vorsichtsprinzip.

Meinungen von Christian Jagd aus dem Gespräch, keine Anlageberatung. Zitate wörtlich, die Zeitmarke springt zur Stelle im Video.

Wie Christian Jagd vom Xetra-Handel zum eigenen wikifolio kam

Mit 14 oder 15 Jahren, Anfang der 90er, verglich Christian Jagd zu Hause die Börsenspalten der Allgemeinen Zeitung. Seine ersten Geschäfte liefen über Consors, damals eine Ausgründung der Schmidt Bank, als einer der ersten Kunden. Die Order ging per Fax raus. Für Charts lud er Datenpakete herunter, das Laden dauerte eine halbe Stunde, das Entpacken eine Viertelstunde, danach hatte er Kurse mit einer Stunde Verzögerung.

Am Neuen Markt setzte er als Schüler ein, was er unter anderem bei der Weinlese verdient hatte, und vervielfachte es in der Euphorie über Zeichnungsgewinne. Er bestellte historische Chartpakete über 20 bis 25 Jahre und zeichnete Unterstützungszonen, Wimpel und die 200-Tage-Linie ein. Als Nackenlinien von Kopf-Schulter-Formationen brachen, brachte er sein Geld in Sicherheit und kam nach eigener Aussage relativ gut aus dem Crash.

Nach dem Studium ging er in Düsseldorf in den professionellen Handel. Für die Zulassung am Xetra-System verlangte die Deutsche Börse eine Ausbildung in Frankfurt, danach kam die härtere Eurex-Ausbildung. Seine Lehrzeit fiel in die Finanzkrise, die er auf 2009 und 2010 datiert. Er handelte viel mit ETFs, arbitrierte und sicherte Positionen sofort mit Futures an der Eurex ab. Einmal rauschte zur Eröffnung eine Market Order über mehr als 200.000 Stück bei einem Kurs um 50 Euro durch das Orderbuch.

Fehler kosteten am Desk sofort viel Geld, etwa eine übersehene Dividendenausschüttung oder der Split eines ETF. Früher kaufte er bei solchen Einbrüchen die ersten ein, zwei Prozent direkt von unten. Heute lässt er in der Eröffnung die Finger davon und wartet die Gegenbewegung ab.

So funktioniert Christian Jagds Multistrategie-System

Christian Jagd investiert überwiegend in Aktien aus Deutschland, Europa und den USA, weil dort die Liquidität für das Volumen seines Musterdepots reicht. Gold hält er fast immer als Beimischung, auch wenn es heute stärker mit den Aktienmärkten läuft als früher. Krypto handelt er höchstens mit einem kleinen Teil. In kritischen Phasen kommen Relative-Value-Positionen dazu, etwa Europa short und die USA long. Event-Trades setzt er auf Quartalszahlen, Studienergebnisse bei Biotech-Werten, aktivistische Investoren und Fallen Angels.

Für einen Kauf braucht er einen fundamentalen Auslöser wie ein neues Produkt, starke Quartalszahlen, eine optimistische Prognose oder eine große Kooperation. Der Markt muss die Nachricht annehmen und die Aktie höher handeln, und das Chartbild muss passen. Bei US-Aktien mit guten Zahlen kauft er manchmal einen Teil schon vorher in Europa über Lang und Schwarz und wartet für den Rest die US-Eröffnung ab. Ein selbst programmierter Screener meldet ihm Bewegungen und Nachrichten, etwa zehn Werte am Tag schaut er sich genauer an. Die relative Stärke misst er je nach Aktie. Apple vergleicht er mit dem Gesamtmarkt, ServiceNow mit Salesforce oder SAP.

Die Positionsgröße ergibt sich aus Chance, Risiko und Handelbarkeit. Eine große Langläufer-Aktie bekommt zwei bis zweieinhalb Prozent, in Apple lassen sich drei oder vier Prozent leichter aufbauen als in einem kleinen Wert, Linde hält er derzeit mit vier Prozent. Er hält so viele Werte, wie er gleichwertige Chancen sieht, bei 50 Chancen also 50 Werte. Nur in der Corona-Phase ging er zu 50 bis 60 Prozent in Cash oder in Short-DAX-ETFs.

Verdunkelt sich das Chartbild oder verliert eine Aktie relative Stärke, verkleinert er die Position zuerst und beobachtet einige Tage. Wird es nicht besser, steigt er ganz aus und setzt den Wert auf die Watchlist. Meist arbeitet er mit einem mentalen Stop. Einen festen Stop setzt er in hochliquiden Werten oder wenn er merkt, dass er sich von einer Position schwer trennt. Fallen Angels begleitet er mit engen Limits.

Christian Jagd als Trader über Zweifel, Drawdowns und das orange Lämpchen

„Dieses mulmige Gefühl ist auch gut. Das hält einen wach. Das hält das Gespür wach.“
– Christian Jagd

Von 2021 bis 2022 ging es im Matrix Trend ein Jahr lang bergab. Christian Jagd kam aus einer Fahnenstange mit starkem Momentum und traf den Verkaufszeitpunkt nicht optimal. Im Rückblick hielt er an einzelnen Werten zu lange fest und folgte dem neuen Trend zu langsam. Seine Lehre daraus ist, schneller zu halbieren, 50 Prozent in Cash zu gehen und neu anzusetzen.

Läuft es schlecht, holt er sein Trader-Handbuch heraus und schreibt zu jeder Position auf, warum er eingestiegen ist und warum er sie so lange gehalten hat. Einen Mentor hat er nicht. Er schaut, wie andere Händler auf wikifolio aufgestellt sind, und diskutiert einzelne Positionen mit verschiedenen KI-Modellen. Als Familienvater sitzt er nicht mehr den ganzen Tag vor dem Bildschirm.

Ein oranges Lämpchen ging bei ihm kurz vor der Aufnahme an, als Anthropic eine Pause der KI-Entwicklung ins Gespräch brachte und am Freitag darauf Chipwerte fielen. Die KI-Welle sieht er als Fahnenstange, die schwer zu handeln ist. Er rät, in steigenden Märkten Stück für Stück Gewinne vom Tisch zu nehmen. Auf seinen Bildschirm würde er „Ertrage den Zweifel“ kleben, dazu „Bleib skeptisch, bleib wach“.

Was das für dich heißt

Christian Jagd ist seit 30 Jahren an der Börse und war Xetra-Händler. Mitgenommen hat er vor allem eine Haltung:

  • Er steigt sofort aus, wenn er merkt, dass eine Position ein Fehler war. Wie lange hältst du eine Position, obwohl du eigentlich schon weißt, dass sie ein Fehler war?
  • Er ist so gut wie nie mit mehr als fünf Prozent in einer Position. Wie groß darf eine einzelne Position bei dir werden, bevor sie über dein Depot bestimmt?
  • Er holt in schwachen Phasen sein Trader-Handbuch heraus und schreibt zu jeder Position auf, warum er sie eingegangen ist und so lange gehalten hat. Könntest du für jede offene Position aufschreiben, warum du sie noch hältst?
  • Er hält den Zweifel an seinen Positionen bewusst wach. Bei welcher deiner Positionen bist du dir so sicher, dass du gar nicht mehr genau hinschaust?

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Geld, Gold, Börse
Alfred Siebers

Wer ist Christian Jagd?

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Christian Jagd stammt aus Rheinhessen, sein Vater war Kaufmann. Geschäftssinn lag früh in der Familie. Mit 13 bekommt er das Buch „Geld, Gold, Börse“ geschenkt, das seine Faszination für die Märkte auslöst. 1996 eröffnet er sein erstes Depot.

Aus den Kommentaren

Mehr Erfahrungen →
Paul Pleus Gast
Klasse Interview! Nichts ist wichtiger als Erfahrung, die Christian auf jeden Fall hat.
Bernhard Mitterlehner Gast
Christian ist ein großartiger Typ und unglaublich kompetenter Trader.
Interessantes Video mit Christian. Viele wichtige Grundsätze, von denen vor allem auch Anfänger profitieren können.
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