Faires KGV: Philipp Haas' Score für deutsche Aktien
Ein Fondsmanager ohne Managementgebühr, ohne festes Gehalt und mit einem selbst gebauten Bewertungsmodell, das die Qualität einer Aktie in ein faires KGV übersetzt.
Von 2012 bis 2021 oder 2022 hat Philipp Haas sein privates Depot nach eigenen Angaben um rund 1.000 Prozent gesteigert, das sind 25 bis 28 Prozent im Jahr. Mit diesem Track Record startete er einen eigenen Aktienfonds, ohne Seed-Kapital und getragen von vielen kleinen Anlegern. Dann kam das schwächste Jahr seiner Strategie mit minus 28 Prozent. Konkurrenzfonds verloren 60 bis 70 Prozent, er holte den Verlust in zwei Jahren wieder auf.
Sein Stil ist Growth at Reasonable Prices. Am Anfang steht das faire KGV, eine Qualitätsnote für jede Aktie, die er in ein angemessenes Kurs-Gewinn-Verhältnis übersetzt. Das QFMA-Modell aus Qualität, Fundamental, Momentum und Alpha-Idee legt fest, ob eine Position 0,2 oder bis zu 5 Prozent des Depots bekommt. Eine Makro-Matrix verteilt das Geld auf fünf Weltregionen und steuert die Cash-Quote.
Die wichtigsten Erkenntnisse
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RegelFaires KGVAktieBewertung Sein „faires KGV“-Modell bewertet Aktien anhand von 16 gleichgewichteten Kriterien in vier Obergruppen (Finanzfaktoren, Softfaktoren, Marktfaktoren, Unternehmensfaktoren) und leitet daraus eine Note von 1 bis 10 ab, die einem fairen KGV entspricht: eine 8 etwa einem KGV von 20, eine 9 einem KGV von 30.
Zitat & Begründung
„nach diesen 16 Kriterien, habe ja so paar genannt, Marke, Geschäftsmodell, Wachstum, Markt, Zyklus, gibt es einfach so eine Note von 1 bis 10“ ▶ 29:50
- Aus der Note leitet er ein faires KGV ab, eine 8 entspricht etwa einem KGV von 20.
- Eine 7 steht für ein Durchschnittsunternehmen mit einem fairen KGV von 15.
- Neben Zahlen fließen weiche Faktoren wie Unternehmenskultur und der Lebenslauf der Gründer ein.
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RegelMomentum-Scorekein Stopp Philipp Haas arbeitet bewusst ohne festen oder mentalen Stopp. Gesteuert wird stattdessen über einen Momentum-Score: „Indirekt. Es gibt ja diesen Momentum-Score, der kann dann auf Rot gehen.“
Zitat & Begründung
„Es gibt ja diesen Momentum-Score, der kann dann auf Rot gehen.“ ▶ 1:00:52
- Einen festen oder mentalen Stopp setzt er nicht.
- Geht der Score auf Rot, schaut er sich die Aktie genauer an, auch mit Charttechnik.
- Nur weil ein Wert umspringt, verkauft er nicht gleich am nächsten Tag alles.
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RegelMakro-MatrixRegion Seine Makro-Matrix teilt die Welt in fünf geografische Zonen (USA, Eurozone, Schwellenländer, China, übrige Industrieländer) und bewertet jede Zone anhand von fünf Kriterien wie Bewertung, Momentum, Wirtschaftswachstum und Sentiment.
Zitat & Begründung
„Und das ist natürlich die größte Zone USA. Dann die Eurozone, dann Schwellenländer, dann China und das fünfte andere Industrieländer.“ ▶ 55:22
- Jede Zone hat eine eigene Zentralbankpolitik.
- Jede Zone hat eine Standardallokation, die USA etwa 35 Prozent.
- Fünf Kriterien wie Bewertung, Momentum und Wirtschaftswachstum zählen jeweils plus eins oder minus eins.
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RegelGebührenFondsKlare Aussage Er nimmt sich aus seinem eigenen Fonds kein Gehalt, verzichtet auf die Managementgebühr und verlangt lediglich eine Performance-Gebühr von 5 Prozent. Die hat sich erst im vergangenen Jahr erstmals wirklich ausgezahlt.
Zitat & Begründung
„meine laufenden Kosten auch davon bezahlen kann, aber halt kein Gehalt und ich nehme nur ein 5 % Performancegebühr“ ▶ 1:32:37
- Auf die Managementgebühr verzichtet er, die laufenden Kosten gehen an Partnerfirmen und den Broker.
- Nach zehn Jahren mit rund 25 Prozent im Jahr rechnete er damit, dass die Gebühr schnell mehr bringt als ein Gehalt.
- Nach dem schwachen ersten Jahr wurde sie erst im letzten Jahr fällig.
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RätMini-PositionKryptoPositionsgrößeKlare Aussage Bitcoin hat Philipp Haas bei rund 510 Dollar bewusst nicht gekauft und bereut das rückblickend als größte verpasste Chance. Sein Learning daraus: bei vielversprechenden Werten wenigstens mit einer Mini-Position dabei sein.
Zitat & Begründung
„dass man halt zum Beispiel bei spannenden Aktien einfach mal mit einer Mini-Position dabei ist“ ▶ 1:59:38
- Bitcoin wollte er bei 510 Dollar kaufen, brach aber auf einer unseriösen Webseite ab.
- Damals dachte er, der Staat werde gegen Bitcoin vorgehen, um sein Währungsmonopol zu schützen.
- Wer nicht dabei ist, sieht eine Sache eher negativ.
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RegelKI im ResearchKI KI nutzt Philipp Haas heute in der fundamentalen Research, das eigentliche Bewertungstool hat er selbst gebaut. Die Einschätzung der Unternehmensqualität bleibt seine eigene.
Zitat & Begründung
„KI hilft mir bei der fundamentalen Research. Das Tool habe ich selber gebaut.“ ▶ 1:01:24
- Beim Bau des Tools hat er die KI höchstens mal nach einer Formel gefragt.
- In den Score fließen seine eigene Einschätzung und aktuelle Kursdaten.
- Reine KI-Fonds haben in Deutschland nach seiner Beobachtung nie richtig funktioniert.
Meinungen von Philipp Haas aus dem Gespräch, keine Anlageberatung. Zitate wörtlich, die Zeitmarke springt zur Stelle im Video.
Wie Philipp Haas sein faires KGV nach einem Fehlinvestment entwickelt hat
Um das Jahr 2000, zur Zeit des Neuen Markts, ließ Philipp Haas seinen Vater Neuemissionen zeichnen. Die Aktien gingen meist am ersten Tag wieder raus. Mit 18 eröffnete er noch in der Schulzeit ein Konto bei einem Online-Broker und kaufte Ölexplorer und Knockout-Zertifikate, nach seinen Worten ganz ohne System. Er nahm die Aktie mit dem niedrigsten KGV und lernte, dass viele Firmen ihr niedriges KGV zu Recht haben.
Die Finanzkrise erlebte er im Austauschsemester ohne Geld im Markt. Gegen Ende 2009 stand ProSieben bei rund 70 Cent. Er baute eine größere Position auf und verkaufte bei 1,50 Euro, aus Angst vor Streaming und Netflix. Danach stieg die Aktie nach seiner Erinnerung auf das 10- bis 20-Fache, die Streaming-Sorge belastete erst sechs, sieben Jahre später.
Sein Modell entwickelte er um 2013, kurz nach einem teuren Fehler. Er hielt einen E-Commerce-Anbieter, der super profitabel war, obwohl andere in der Branche kein Geld verdienten, und dessen Team vom Lebenslauf her schwach wirkte. Die Firma ging in die Insolvenz, er war kurz vorher raus, schmerzhaft war es trotzdem. Seitdem prüft er Lebenslauf von Gründern und CEO, Unternehmenskultur, Geschäftsmodell und Marke. Die Idee kam aus seinen Immobilien, wo eine Lage auf dem Land in Ostdeutschland mit einem anderen Multiple bezahlt wird als die Münchner Innenstadt.
Schon 2013, 2014 plante er einen Aktienfonds für Internet Growth, der investiert wie ein Venture-Capital-Geber, und baute dafür auf wikifolio einen Track Record auf. Heute führt er dort unter anderem Nachhaltige Dividendenstars*, das er eher zu den defensiven Aktien zählt. Ein Jahr arbeitete er bei einer großen Fondsgesellschaft in München und sah, wie dort in Minuten über Millionen entschieden wurde.
So funktioniert Philipps faires-KGV-Strategie
In den Fonds kommen Wachstumsfirmen mit einer technologischen Komponente, in deren Geschäftsmodell auch ein Venture-Capital-Geber investieren würde. Defizitäre Biotech-Werte lässt Philipp Haas aus, da sieht er für sich keinen Vorteil. Zykliker wie Halbleiter oder Reedereien meidet er, weil das faire KGV stetige Gewinne voraussetzt und Schiffsaktien am Gipfel ein KGV von 3 haben. Er kauft nur Aktien, ohne Absicherung, Derivate oder ETFs.
Die Finanzfaktoren im fairen KGV laufen über Tabellen. 20 Prozent Umsatzwachstum ergeben eine 9, 10 Prozent eine 8, viel Netto-Cash in der Bilanz eine 10, hohe Schulden eine 3 oder 4. Gerechnet wird mit dem laufenden Jahr, ab Ende des dritten Quartals mit dem nächsten. Ab einer Gesamtnote von 8,0 gilt eine Firma für ihn als Qualität, über 7 als überdurchschnittlich.
Das QFMA-Modell setzt die Gewichte in Stufen. Ist nur die Qualität erfüllt, kauft er eine Beobachtungsposition von 0,2 bis 0,3 Prozent, weil man eine Aktie anders verfolgt, wenn man sie hat. Zeigt das faire KGV eine Unterbewertung, steigt das Ziel auf 1 Prozent. Springt der Momentum-Score aus der Performance über eine Woche, einen Monat, drei Monate, ein und drei Jahre auf Grün, sind es 2 Prozent. Mit einer Alpha-Idee, die der Markt nicht sieht, startet eine Kernposition mit 4 bis 5 Prozent. Bei Apple war das der App Store, der aus der vermeintlichen Hardwarefirma eine Softwarefirma machte.
Hypoport hält er gerade mit etwa 1 Prozent, unterbewertet, aber ohne Momentum. Springt die Aktie auf etwa 85 Euro, kann sie auf 2 Prozent gehen. Sein Tool meldet solche Signale täglich, jeden Trade gibt er von Hand frei. Im Fonds darf keine Position über 10 Prozent liegen, die zehn größten zusammen nicht über 40 Prozent. In Corona brach das Momentum, das System baute automatisch Cash auf und war unten schnell wieder investiert.
Philipp Haas als Investor über Zwillinge, Verzicht und die verpasste Bitcoin-Chance
Mit der Geburt der Zwillinge passte der Job in der Fondsgesellschaft für Philipp Haas nicht mehr. Dort zählte viel Präsenz, und 10, 11 Stunden außer Haus konnte er sich mit zwei kleinen Kindern nicht vorstellen. Ein Polster aus Aktien und gehebelten Immobilien war da, seine Frau wollte nach einer Zeit zurück in ihren Job, und falls zwei Jahre gar nichts funktioniert, traute er sich eine neue Stelle zu. Als Risiko hat er die Kündigung deshalb kaum gesehen.
Der Fondsstart brachte Stress. Manche Banken verdienten an dem günstigen Fonds keine Bestandsprovision und ließen Kunden ihn teils gar nicht kaufen. Wäre der Fonds drei, vier Jahre früher gestartet, lägen dort heute vielleicht Hunderte Millionen, sagt er. Am liebsten wäre ihm ein normales Börsenjahr wie 2019, für ihn das letzte, in dem die einzelne Aktie die größte Rolle spielte.
Mit Bitcoin hat er sich früh ein, zwei Tage intensiv beschäftigt. Ein Kaufversuch endete auf einer unseriösen Webseite, die seine Kreditkarte wollte, er brach ab. Eine Position hält er bis heute nicht. Für ihn gibt es produktive Assets wie Aktien und Immobilien mit jährlicher Rendite, Kredite mit begrenzter Rückzahlung und Spekulationsobjekte wie Gold und Bitcoin ohne laufende Rendite. Investiert ist er vor allem in die erste Gruppe.
Was das für dich heißt
Philipp Haas hat sich über zehn Jahre ein eigenes Bewertungsmodell gebaut. Spannender als das Modell ist, wie er damit umgeht:
- Er nimmt sich aus seinem Fonds kein festes Gehalt und verdient nur über eine Performance-Gebühr von 5 Prozent. Würdest du dein Depot anders führen, wenn du nur am Erfolg verdienen würdest?
- Er hat keinen festen Stopp, sondern reagiert, wenn sein Momentum-Score auf Rot geht. Nach welcher Regel verkleinerst du eine Position, die gegen dich läuft?
- Er ist bei Werten, die ihn reizen, wenigstens mit einer Mini-Position dabei, seit er Bitcoin bei 510 Dollar ausgelassen hat. Was machst du mit einer Idee, die dich reizt, aber noch nicht ganz überzeugt?
- Er nutzt KI für die Recherche, die Einschätzung der Unternehmensqualität trifft er selbst. Wer trifft bei dir die letzte Entscheidung: du oder die Quelle, die du zuletzt gelesen hast?
Weiter in der Reihe Institutionelle Einblicke: Folge 16 →
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Alle Folgen ansehen →Philipp Haas hat Wirtschaft in St. Gallen studiert und danach im Fintech-Umfeld gearbeitet, wo er den deutschsprachigen Markt beobachtet hat. Parallel begann er, Aktien öffentlich auf wikifolio zu bewerten, einen Investment-Blog zu schreiben und später einen YouTube-Kanal zu starten.
Aus den Kommentaren
Mehr Erfahrungen →Philipp hat mir den Weg zu wikifolio eröffnet. Ich bin ewig dankbar dafür! ❤
Spannender Lebensweg, man merkt die Gene als Unternehmer. 👍 … Insgesamt ein informatives Interview mit guten Nachfragen.
Begriffe aus dieser Folge
Profis antworten
Lies, was Philipp Haas dazu sagt, neben den Antworten der anderen Profis:
- Was war dein größter Drawdown, und was hast du dann gemacht?Philipp Haas: Fonds: minus 28 Prozent im schlechtesten Jahr, in zwei Jahren aufgeholt
- Welche Kennzahlen schaust du dir an?Philipp Haas: Bei ähnlichem KGV kauft er immer die bessere Firma
- Welche Rendite ist realistisch?Philipp Haas: 15 bis 20 Prozent pro Jahr als Ziel für seinen Fonds















