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Was ist Sentiment an der Börse?
Sentiment: Definition, Beispiele und wie Profis aus dem Podcast damit umgehen.
Kurz erklärt
Das Sentiment ist die Stimmung der Anleger an der Börse, also wie optimistisch oder pessimistisch sie gerade auf einen Markt oder eine Aktie blicken. Gemessen wird es mit Umfragen, Positionierungsdaten und der Auswertung von Nachrichten und sozialen Netzwerken. Viele Profis lesen extreme Stimmung als Gegensignal: Große Euphorie gilt als Warnzeichen, große Angst als mögliche Chance.
Definition von Sentiment
Das Sentiment beschreibt, wie Anleger gerade gestimmt sind. Das Wort kommt aus dem Englischen und heißt Stimmung oder Gefühl. Gemeint ist die Stimmung der Masse, wie sie sich in Käufen und Verkäufen zeigt.
Messen lässt sich das auf zwei Wegen. Umfragen fragen Anleger direkt, ob sie steigende oder fallende Kurse erwarten. Bekannt sind die wöchentliche Umfrage der American Association of Individual Investors (AAII) und die monatliche Fondsmanager-Umfrage der Bank of America. Andere Kennzahlen lesen die Stimmung aus dem Verhalten ab, etwa das Verhältnis von Put- zu Call-Optionen, den Volatilitätsindex VIX oder die Cash-Quote der Fonds. Neuer ist die Sentimentanalyse: Software wertet Nachrichten und Beiträge in sozialen Netzwerken nach positiven und negativen Aussagen aus.
Wie funktioniert das Sentiment als Signal?
Wenn fast alle optimistisch sind, haben die meisten schon gekauft. Dann gibt es wenige, die noch nachkaufen können, und schon kleine Enttäuschungen lösen Verkäufe aus. Ist die Stimmung sehr schlecht, haben viele schon verkauft. Dann reicht oft wenig Gutes, damit Käufer zurückkommen. Deshalb gilt extreme Stimmung als Kontraindikator. Wer gegen die Mehrheit handelt, handelt antizyklisch.
Beispiel mit einer Umfrage unter Anlegern (Beispielwerte):
| Optimisten 38 %, Pessimisten 30 % | neutral, kein Signal |
|---|---|
| Optimisten 60 %, Pessimisten 15 % | Euphorie, Vorsicht bei neuen Käufen |
| Optimisten 20 %, Pessimisten 55 % | Angst, Kaufkandidaten prüfen |
Das Sentiment sagt allerdings nichts über den Zeitpunkt. Euphorie kann Monate anhalten, und die Kurse steigen trotzdem weiter. Die meisten Profis nutzen es deshalb als Zusatz zu Trend, Bewertung oder Fundamentaldaten.
Sentiment in der Praxis
Im Alltag zählen vor allem die Extreme. Ein Wert im Mittelfeld sagt wenig. Erst wenn fast alle in dieselbe Richtung blicken, wird die Stimmung interessant. In Deutschland sprechen Trader auch vom Bild-Indikator: Wirbt die Bild-Zeitung groß für Aktien, ist die Euphorie meist schon weit fortgeschritten.
Typische Fehler:
- die schlechte Stimmung als Kaufsignal nehmen, obwohl der Trend noch klar nach unten zeigt,
- nur die eigene Blase in sozialen Netzwerken lesen und sie für den ganzen Markt halten,
- eine einzige Kennzahl betrachten, statt Umfragen, Positionierung und Kursverlauf zusammen anzuschauen.
Warren Buffett hat die Haltung in einen Satz gefasst: Sei ängstlich, wenn andere gierig sind, und gierig, wenn andere ängstlich sind.
Sentiment bei [Bulle & Mensch]
Für mehrere Gäste gehört das Sentiment fest zur Analyse. Torsten Maus schaut auf Sentiment-Daten wie die Fondsmanager-Umfrage der Bank of America. Hat der Markt einen Boden gebildet und ist die Investitionsquote der Fonds niedrig, gibt es noch viele mögliche Käufer. Philipp Haas bewertet in seinem Fonds jede Weltregion nach fünf Kriterien, eines davon ist das Sentiment. Euphorie zählt negativ, übertriebener Pessimismus positiv. Maximilian Robl handelt viel nach Einschätzung der Stimmung und sieht in großem Pessimismus die Chance, antizyklisch Aktien aufzunehmen.
Till Schwalm nutzt die Stimmung als Gegensignal. Liest er auf Threads fast nur Negatives über ein Unternehmen, schaut er genauer hin. Oliver Klemm nennt das den Bildzeitungsindikator: Du musst immer das Gegenteil machen.
Erik Wimmer und Larissa Kravitz bauen Sentimentanalysen selbst. Wimmer wertet mit seiner Firma rund 1,2 Millionen Beiträge aus sozialen Netzwerken aus. Kravitz hat schon vor 16 Jahren Software dafür geschrieben und sagt heute, KI mache die Sentimentanalyse super einfach. Dominik Doster achtet auf Medien, Influencer und Börsengänge, gibt der Stimmung in seiner Analyse aber bewusst wenig Raum.
💬 Was unsere Gäste über Sentiment sagen
Wörtliche Aussagen aus den Originalgesprächen von [Bulle & Mensch]. Sie geben die Sicht der jeweiligen Gesprächspartner wieder, nur Füllwörter wurden entfernt. Die Sprungmarke führt an die Stelle im Video.
Unterschiedliche Perspektiven
| Gast | Ansatz |
|---|---|
| Larissa Kravitz | KI macht Sentimentanalyse einfach |
| Oliver Klemm | Bildzeitungsindikator: das Gegenteil tun |
| Philipp Haas | Euphorie negativ, Pessimismus positiv |
| Till Schwalm | Negative Stimmung macht neugierig |
| Maximilian Robl | Großer Pessimismus als Chance |
| Erik Wimmer | Stimmung aus 1,2 Millionen Beiträgen |
| Torsten Maus | Niedrige Investitionsquote der Fonds: noch Käufer da |
Die Aussagen im Wortlaut
KI macht Sentimentanalyse einfach
„KI ist nicht das neue Sentiment, aber KI macht die Sentimentanalyse super einfach. […] Das, was wir da mühsamst vor 16 Jahren begonnen haben, mühsamst, manuell, teilweise in Python, […] das kannst du in [ChatGPT] jetzt so machen.“
Bildzeitungsindikator: das Gegenteil tun
„Ich bin nicht die Bildzeitung, die am Top immer sagt, Kaufen, [Aktien] sind geil, wir werden alle Millionäre und am Low dann erzählt, [wir] müssen raus, [Aktien] sind unseriös. Das ist immer so. Wir nennen das den Bildzeitungsindikator an der Börse. Du musst immer das Gegenteil machen.“
Euphorie negativ, Pessimismus positiv
„Dann […] nenne ich es das Sentiment. Also sind wir gerade sehr euphorisch auf diesem Markt. Das wäre dann eher negativ. […] Sind die Leute da jetzt ein bisschen zu pessimistisch und ganz so schlimm ist es doch nicht, dann wäre es eher positiv.“
Negative Stimmung macht neugierig
„Da sage ich, ich bin [contrarian] oder antizyklisch im Sentiment unterwegs. […] Wenn ich da nur Negatives oder überwiegend Negatives über ein Unternehmen lese, dann ist das für mich so ein Punkt, der mich neugierig macht.“
Großer Pessimismus als Chance
„Wir handeln ja viel nach Einschätzung von Sentiment. […] Wenn jetzt zum Beispiel mit dem Iran-Krieg viele Leute sehr pessimistisch sind, […] dann weiß man schon, die haben vielleicht ihr Risiko zurückgefahren, die haben Aktien verkauft […]. Vielleicht ist es eine Chance, […] antizyklisch zu handeln und ein paar Aktien mit aufzunehmen.“
Stimmung aus 1,2 Millionen Beiträgen
„Ich kann auch ein Sentimentanalysesystem entwickeln […]. Wir tracken verschiedenste Kanäle und holen uns alle Beiträge heraus, die öffentlich zugänglich sind. Das verarbeitet unser System, […] wir verarbeiten knapp 1,2 Millionen Einträge in sozialen Netzwerken.“
Niedrige Investitionsquote der Fonds: noch Käufer da
„Was extrem wichtig ist, sind Sentiment-Daten. Also wenn man sieht, der Markt hat den Boden abgebildet und tendiert nach oben und die Investitionsquote der Fonds ist relativ niedrig, dann weiß ich, da sind auch viele Leute, [die] danach kaufen können.“



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