[Bulle & Mensch]
Folge 21 · 4 Buchtipps

Langfristig investieren ohne Charts: Till Schwalm

Die meisten reden von Langfristigkeit und starren trotzdem täglich auf den Kurs. Till Schwalm dreht die Logik um: Der Chart ist für ihn Nebengeräusch, ihn interessiert das Unternehmen dahinter.

Vier Tage war Till Schwalm in Barcelona und hat in dieser Zeit keinen Blick auf die Charts geworfen, die Unternehmensnachrichten aber über Newsletter und Verteiler weiter verfolgt. Er investiert über seine eigene Beteiligungsgesellschaft auch das Geld von Anlegern, die ihm Kapital zur Verfügung gestellt haben. Sein Ziel sind 10 Prozent plus pro Jahr, mit einem Portfolio, bei dem er nachts ruhig schlafen kann. Im März und April 2020 telefonierte er alle Unternehmen in seinem Portfolio einmal durch.

Im Gespräch erklärt er, wie er vom klassischen Value Investing zum GARP-Ansatz kam, Growth at a Reasonable Price. Aus Umsatzwachstum und operativer Marge rechnet er einen nachhaltigen Free Cashflow und daraus die Rendite auf den Kurs. Sein Portfolio umfasst 20 Titel, davon 10 Kernpositionen mit mindestens 5 Prozent, überwiegend Small Caps. Verkauft wird, wenn die Investmentthese bricht.

„Weil ich einfach weiß, ich bin in guten Unternehmen investiert, die weiter operativ gut laufen, und dann ist mir der Chart relativ egal.“
– Till Schwalm

Die wichtigsten Erkenntnisse

  • RegelIdeenfilter1 von 100

    Der Edge liegt im Filtern, nicht im billig kaufen: Von rund 100 Ideen übersteht im Schnitt eine den kompletten Prozess bis auf die Watchlist. Der erste Fünf-Minuten-Check im eigenen Excel-Modell entscheidet, ob eine Idee überhaupt weiterverfolgt wird.

    Till Schwalm · bei 24:14

    Zitat & Begründung
    „eine von 100 Ideen, die ich mal irgendwie gekriegt habe, ist jetzt so weit, dass ich sage, okay, das ist so interessant“ ▶ 24:14
    1. Jede Idee geht zuerst fünf Minuten durch sein Excel-Modell mit Umsatzwachstum, Marge und Bilanz.
    2. Von zehn Ideen kommt im Schnitt eine weiter, dann recherchiert er rund einen halben Tag.
    3. Von diesen zehn fallen wieder neun raus, oft weil der Kurs zu weit vom fairen Wert entfernt ist.
  • RegelInvestmentthese3 SätzeKlare Aussage

    Eine These muss in drei Sätzen erklärbar sein: Sein Maßstab ist, ob er die Investmentgeschichte seiner Frau in drei Sätzen erklären kann. Hochkomplexe Geschichten fallen durch.

    Till Schwalm · bei 27:00

    Zitat & Begründung
    „muss ich die meiner Frau in drei Sätzen erklären können. Also das kann, darf keine hochkomplexe Geschichte sein“ ▶ 27:00
    1. Er schreibt seine These beim Einstieg auf, damit er später prüfen kann, ob sie noch trägt.
    2. Auch seinen Investoren erklärt er im Brief offen, warum er in ein Unternehmen einsteigt.
  • RegelAlphabetGOOGL

    Narrativ und Zahlen müssen zusammenpassen: Bei Alphabet ist er zweimal gegen das Markt-Narrativ eingestiegen (erst „Alphabet wird zerschlagen“, dann „Alphabet verliert gegen KI“), weil die operativen Zahlen etwas anderes erzählten.

    Till Schwalm · bei 31:34

    Zitat & Begründung
    „Und wenn die Zahlen überhaupt nicht das Narrativ und die Geschichte widerspiegeln, dann stimmt die Geschichte wahrscheinlich nicht.“ ▶ 31:34
    1. 2019 rechnete er die Teile einzeln, Suche, YouTube und Cloud waren zusammen rund 30 % mehr wert als der Konzern.
    2. Beim zweiten Einstieg sah er in den Zahlen nicht, dass das Suchgeschäft durch KI kaputtgeht.
    3. Selbst wenn die Suche leidet, bleiben ihm das Cloud-Geschäft und YouTube.
  • RegelAusstiegAktieKlare Aussage

    Der Chart liefert nie ein Ausstiegssignal: Verkauft wird, wenn die fundamentale Investmentthese bricht. So geschehen bei Naked Wines, wo die Corona-Kundenkohorten sich als deutlich schwächer erwiesen als angenommen.

    Till Schwalm · bei 52:25

    Zitat & Begründung
    „ich meine Investment-These, wenn ich einsteige, aufschreibe. Und wenn die bricht, verkaufe ich.“ ▶ 52:25
    1. Bei Naked Wines fehlte 2022 plötzlich die Folie mit den Kundenkohorten, der Umsatz wuchs nicht mehr.
    2. Das Schwierige ist für ihn, sich einzugestehen, dass die eigene These falsch war.
    3. Der Chart ist nach eigener Aussage „nicht mein Ding“.
  • RegelFree-Cashflow-Renditeüber 10 % pro JahrKlare Aussage

    Free-Cashflow-Rendite statt kompliziertem DCF: Er modelliert Umsatzwachstum und operative Marge zu einem nachhaltigen Free Cashflow und rechnet daraus die Rendite auf den Kurs. Multiple-Expansion ist Bonus, nie Grundlage.

    Till Schwalm · bei 1:25:42

    Zitat & Begründung
    „Ich gucke eigentlich nur noch auf Umsatzwachstum und operative Marge“ ▶ 1:25:42
    1. Nach Steuern, Wachstumsinvestitionen und Zinsen bleibt ihm ein nachhaltiger Free Cashflow, daraus rechnet er die Rendite auf den Kurs.
    2. Wachstum und Free-Cashflow-Rendite müssen zusammen über 10 % liegen, bei Nebenwerten über 14 %.
    3. Eine höhere Bewertung rechnet er nicht ein, sie kommt höchstens oben drauf.
  • RätKritikAnleihe

    Kritik ist wertvoller als der Kurs: Der teuerste Fehler seiner Karriere (eine Praktiker-Anleihe, die auf null fiel) entstand, weil er einen berechtigten Einwand eines anderen Investment-Bloggers ignorierte. Seitdem sucht er aktiv Widerspruch zu seinen Thesen.

    Till Schwalm · bei 1:14:52

    Zitat & Begründung
    „ich habe das nicht lesen wollen. habe das ignoriert und intellektuell würde ich sagen hätte ich es verstehen müssen“ ▶ 1:14:52
    1. Ein anderer Blogger schrieb ihm, die Anleihe liege auf Konzernebene, das Geld aber bei den Töchtern.
    2. Die Praktiker-Anleihe fiel auf null, damals ein Großteil seines Geldes als Student.
    3. Seitdem geht er kleinere Positionen ein und hört besser hin, wenn ihn jemand kritisiert.
  • RegelKI-Recherche10 Jahre Berichte

    KI als Praktikant, nicht als Ersatz: Till Schwalm lässt NotebookLM auf zehn Jahre Geschäftsberichte los und fragt gezielt nach Risikofaktoren, die seine These brechen könnten. Den psychologischen Teil seines Jobs hält er vorerst für nicht ersetzbar.

    Till Schwalm · bei 2:00:26

    Zitat & Begründung
    „ich gebe dann mein Narrativ rein und stelle die Frage als einfaches Beispiel, an welchen Punkten könnte meine Geschichte brechen?“ ▶ 2:00:26
    1. Er lässt sich fünf Risikofaktoren nennen, die in seinem Narrativ fehlen.
    2. Für einfache Aufgaben wie den US-Umsatzanteil je Unternehmen nutzt er die KI wie einen Praktikanten.
    3. Einen Vorteil sieht er noch im psychologischen Teil und in den ethischen Ansprüchen seiner Investoren.

Meinungen von Till Schwalm aus dem Gespräch, keine Anlageberatung. Zitate wörtlich, die Zeitmarke springt zur Stelle im Video.

Wie Till Schwalm sein GARP-System nach Fehlern und einer Durststrecke entwickelt hat

In der Finanzkrise steigt Till Schwalm als Student mit zwei Kommilitonen in einen Investmentclub ein. In den ersten drei Monaten verliert das Portfolio 10 bis 15 Prozent, danach geht es bis zur Pleite von Lehman Brothers massiv nach unten. Till Schwalm liegt nachts wach und zieht daraus die Konsequenz, die bis heute sein System bestimmt: ein Portfolio, bei dem er ruhig schlafen kann. In den Anfangsjahren kauft er noch klassisch billig nach Buchwert, darunter den Holzplattenhersteller Pfleiderer, der Pleite geht, und deutsche Wohnimmobilienaktien mit 25 Prozent Dividendenrendite, bei denen er zugibt, damals sehr wenig verstanden zu haben. Ab 2016 folgt eine drei- bis vierjährige Durststrecke mit Underperformance. Was günstig aussah, hatte meist einen guten Grund dafür.

Der schmerzhafteste Einzelfall liegt noch früher, in der Studienzeit: eine Anleihe des Baumarktkonzerns Praktiker, gekauft für rund 40 Prozent des Nennwerts, in der Annahme, dass selbst 70 Prozent Abschlag auf das Warenlager im Insolvenzfall reichen würden. Ein Kommentator eines anderen Investment-Blogs weist ihn öffentlich darauf hin, dass die Anleihe auf Konzernebene liegt, die Vermögenswerte aber in den Töchtern. Till Schwalm ignoriert den Einwand. Die Anleihe fällt auf null, der Verlust trifft einen Großteil seiner damaligen Liquidität. Seine Lehre: keine übergroßen Einzelpositionen mehr und Kritik an der eigenen These ernst nehmen, statt sie wegzuwischen.

So funktioniert Till Schwalms Free-Cashflow-Strategie

Till Schwalm sucht als Generalist qualitativ hochwertige Small Caps, dazu kommen einzelne Großunternehmen wie Alphabet. Er hält rund 20 Positionen, davon 10 Kernpositionen mit je mindestens 5 Prozent, die größte liegt bei rund 15 Prozent. Dazu kommt ein Talente-Pool mit 2,5-Prozent-Positionen.

Von zehn Ideen übersteht im Schnitt eine den Fünf-Minuten-Check in seinem Excel-Modell, das er an den Datenanbieter TIKR angebunden hat. Von zehn weiterverfolgten Ideen landet wiederum eine auf der Watchlist, also eine von 100. Dort stehen 40 bis 60 Unternehmen, jedes im Schnitt ein bis zwei Jahre in Beobachtung, mit Quartalszahlen und, wo möglich, direkten Gesprächen mit dem Management.

Für die Bewertung modelliert er Umsatzwachstum und operative Marge und zieht Steuern, Wachstumsinvestitionen und Zinsen ab. Heraus kommt der nachhaltige Free Cashflow. Die Free-Cashflow-Rendite plus erwartetes Wachstum ist sein Renditeanker, ein Kurs-Buchwert unter 1 gilt nur noch als Warnsignal. In der Bilanz will er wenig Schulden, eine hohe Eigenkapitalquote und am liebsten eine Nettokasse.

Verkauft wird, wenn die Investmentthese bricht, also das Narrativ nicht mehr zu den Zahlen passt, oder wenn der Kurs sehr weit über seinem fairen Wert liegt. So war es bei Hypoport, wo er die zur Marktbewertung passende Geschichte schlicht nicht mehr erzählen konnte. Für die Arbeit nutzt er NotebookLM mit rund zehn Jahren Geschäftsberichten, seinem Investment-Tagebuch und eigenen Analysen, um gezielt nach Risikofaktoren zu fragen. ChatGPT setzt er wie einen Praktikanten für Recherche und Datenarbeit ein.

Till Schwalm als Investor mit Geduld, Selbstkritik und einem Portfolio zum Ruhigschlafen

„Ich werde nicht dafür bezahlt zu handeln, sondern die richtigen Entscheidungen zu treffen.“
– Till Schwalm

Till Schwalm ist Vater von drei Kindern, seit bald 18 Jahren mit derselben Frau zusammen und baut seinen Investmentstil bewusst um die eigene Psyche herum. Er setzt auf wenige, gut verstandene Unternehmen, die er auch durch Krisen hält. Im März 2020 telefoniert er sein komplettes Portfolio einmal durch, statt auf die Kurse zu schauen. Ethische Grenzen zieht er persönlich. Er investiert in nichts, was seiner Meinung nach die Zukunft seiner Kinder zerstört, und in nichts, womit er nachts nicht gut schlafen kann. Auf die Frage nach dem einen Satz, den er sich an den Bildschirm kleben würde, nennt er zwei: „Rendite entsteht im Unternehmen, nicht an der Börse“ und „hab Geduld“. Geduld heißt für ihn, mit einer Cashposition auf die passende Chance zu warten.

Beim Thema künstliche Intelligenz ist er nüchtern: Den Zahlen- und Analyseteil seines Jobs hält er für in wenigen Jahren durch KI ersetzbar. Den psychologischen Teil, mit den eigenen Entscheidungen ruhig schlafen zu können, sieht er vorerst als seinen Vorteil gegenüber der Maschine.

Was das für dich heißt

Till Schwalm will vor allem eins: nachts ruhig schlafen können. Daraus hat er Gewohnheiten gemacht, die mit dem Kurs wenig zu tun haben:

  • Er schreibt seine Investment-These beim Einstieg auf und verkauft, wenn sie bricht. Könntest du für jede deiner Aktien aufschreiben, was passieren müsste, damit du verkaufst?
  • Er muss die Geschichte hinter einer Aktie seiner Frau in drei Sätzen erklären können. Kannst du in drei Sätzen erklären, warum du deine größte Position hältst?
  • Er beobachtet ein Unternehmen im Schnitt ein bis zwei Jahre, bevor es ins Depot kommt. Wie lange kennst du ein Unternehmen, bevor du es kaufst?
  • Er sucht seit einem teuren Fehler aktiv Widerspruch zu seinen Thesen. Wie reagierst du, wenn jemand einen berechtigten Einwand gegen deine Position hat?

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Wer ist Till Schwalm?

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Till Schwalm kommt aus einer Unternehmerfamilie und hat, wie er sagt, „am Küchentisch schon gelernt, über Unternehmen zu sprechen und was operativ ein Unternehmen ausmacht“. Als Student in St.

Aus den Kommentaren

Mehr Erfahrungen →
@heuw7379
Den podcast fand ich sehr interessant und gut. Till ist überzeugt von seinem Ansatz, spannend zuzuhören, wie er das macht. Er klang auch sehr aufgeräumt und klar, fand ich gut, einiges mitgenommen. …
@MaxGnarby
Für mich der deutsche Peter Lynch auch wegen dem klasse Buch von Ihm
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