Aktien-Screening mit Excel: Michael Kranichs Ampel-System
Vier Indikatoren, 1.400 Aktien und ein eisernes Regelwerk: Wie Michael Kranich mit nüchterner Systematik seine vier wikifolios steuert.
Ungefähr im März hielt Michael Kranich in seinem wikifolio-Musterdepot auf den S&P 500 über 70 Aktien, mehr als ihm seine Backtests je angezeigt hatten. Er behielt die 20 stärksten, verkaufte den Rest und investierte das Geld in die starken Werte. Die Speicherchip-Aktien, die sein System schon im Vorjahr erkannt hatte, bekamen so mehr Gewicht. Drei bis vier Wochen vor der Aufnahme ging das Depot raketenhaft nach oben.
Im Gespräch erklärt er seine Börsenampel in Excel und den Relative-Stärke-Ansatz, mit dem er die Aktien auswählt. Die Ampel aus vier Indikatoren entscheidet nur über das freie Cash. Aktien kauft er nach relativer Stärke gleich mit der vollen Position von 5 Prozent und verkauft sie in vier Stufen. Einmal pro Woche läuft das Makro, die Auswertung dauert rund zehn Minuten.
Die wichtigsten Erkenntnisse
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RegelBörsenampelCashKlare Aussage Ampel mit drei Zuständen: Grün, Gelb oder Rot. Die Ampel sagt ihm, was er mit dem vorhandenen Cash macht, nicht welche Aktie er kauft.
Zitat & Begründung
„Die Ampel, muss ich aber auch sagen, die soll mir nur anzeigen, was soll ich mit dem möglichen vorhandenen Cash machen“ ▶ 1:38
- Bei Grün legt er freies Cash in einen ETF auf den Index an.
- Bei Gelb bleibt das Geld als Cash liegen, bei Rot sichert er die Aktienseite ab.
- Welche Aktie er kauft, entscheidet die Ampel nicht.
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RegelVier IndikatorenMakroIndex Vier Indikatoren als Basis: Trendmessung über gleitende Durchschnitte auf Weltindex und S&P 500, Länderbenchmarks, der Gebert-Indikator und die Energiepreis-Indikatoren von Uwe Lang.
Zitat & Begründung
„Also die Ampel besteht aus vier Unterkategorien in Summe, einmal so eine globale Stärkemessung von einem Index“ ▶ 5:36
- Dazu kommen der Trend im jeweiligen Land, der Gebert-Indikator und Indikatoren von Uwe Lang.
- Stehen zwei oder mehr auf Grün, ist die Gesamtampel grün, bei einem gelb, bei keinem rot.
- Den Gebert-Indikator berechnet er selbst.
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RegelRelative StärkeAktie 1.400 Aktien werden wöchentlich per Excel-Makro auf relative Stärke geprüft. Gekauft werden nur die stärksten Werte, Positionen werden bei nachlassender Stärke stufenweise reduziert.
Zitat & Begründung
„Also ich scanne tatsächlich alle Einzelwerte nach meinem System für die relativen Stärke.“ ▶ 8:04
- Einmal pro Woche zieht ein Excel-Makro die Kurse aus dem Internet und wertet sie aus.
- Gekauft wird gleich mit voller Position von fünf Prozent, verkauft wird in vier Stufen.
- Er verkauft nur, wenn eine Aktie selbst schwächer wird, nicht weil eine andere attraktiver wirkt.
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RegelIm Markt bleibenCash Die Zahl, die alles verändert hat: „Es gibt eine Statistik darüber, an wie vielen Tagen man im Jahr im Markt sein muss, um 80 Prozent der Performance überhaupt zu machen.“ Seine Antwort: Bei 15 bis 20 Tagen ist man schon bei 85 Prozent.
Zitat & Begründung
„Es gibt eine Statistik darüber, an wieviel Tagen man im Jahr im Markt sein muss, um 80 Prozent der Performance überhaupt zu machen“ ▶ 10:47
- Mit 15 bis 20 Tagen ist man nach seiner Rechnung schon bei 85 Prozent.
- Freies Cash soll deshalb nicht einfach liegen, wenn die Ampel grün ist.
- Nach kurzen Rücksetzern holen die Märkte fünf bis zehn Prozent oft in wenigen Tagen wieder auf.
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TabuBauchgefühlKlare Aussage Der teuerste Fehler war ein Bauchgefühl: „Das wäre der größte Fehler, den ich auch schon selber mal gemacht hatte, ganz zu Beginn, als ich 2015 begonnen hatte mit wikifolios.“ Er verkaufte gegen die grüne Ampel und ging short. Zwei Wochen später stieg der Markt wieder.
Zitat & Begründung
„Nein, das machst du nie, nie, nie wieder. Also ich handel nur noch nach dem System“ ▶ 51:27
- Zu Beginn der Krim-Krise verkaufte er gegen die grüne Ampel und ging short.
- Zwei Wochen später stieg der Markt wieder, er kaufte zurück und lag danach erneut falsch.
- Will er etwas anders machen, prüft er es vorher im Backtest.
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RegelShort-ETFETFAbsicherungKlare Aussage Short-ETFs sind reine Absicherung in roten Phasen, immer auf die Benchmark, nie auf Einzelwerte.
Zitat & Begründung
„die Shorts, die sind dann rein zur Absicherung für die Aktien“ ▶ 9:12
- Einzelwerte shortet er nicht.
- Den Short-ETF kauft er nur in Höhe der Aktienseite, der Rest bleibt Cash.
- Eine rote Phase heißt nicht, dass er alle Aktien verkauft.
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RegelBacktestExcelKlare Aussage Ohne Backtest kommt nichts ins System: Der längste Test reicht bis 1976 zurück, jede neue Idee wird vorher in Excel geprüft.
Zitat & Begründung
„und ohne Backtesting, ja, geht, geht einfach nichts an der Stelle“ ▶ 54:34
- Neue Ideen prüft er in Excel mit Daten aus dem Internet, ohne große Software.
- Der längste Test reicht bis 1976 zurück, die meisten beginnen in den 2000er Jahren.
- Ein gutes Ergebnis prüft er auch darauf, wie viele Aktien im Schnitt gehalten wurden.
Meinungen von Michael Kranich aus dem Gespräch, keine Anlageberatung. Zitate wörtlich, die Zeitmarke springt zur Stelle im Video.
Wie Michael Kranich sein Excel-Ampel-System entwickelt hat
Vor 24 Jahren fing Michael Kranich mit dem Planspiel Börse an und kaufte Aktien nach dem Namen, etwa Siemens. 2009 wurde bei ihm ein größerer Sparbrief fällig, die Zinsen waren gefallen, und ein befreundeter Berater meinte, wenn Aktien, dann jetzt. Kurz vor dem Tiefpunkt der Finanzkrise kaufte er die großen Verlierer, Deutsche Bank und Commerzbank. Als die Eurokrise mit Griechenland und Italien kam, verkaufte er mit guten Gewinnen.
Danach lief es schlechter. Porsche und United Internet kaufte er aus dem Bauch, ohne großen Erfolg. Weil er glaubte, sich inzwischen auszukennen, stieg er auf Zertifikate auf den DAX mit 10er, 20er und 30er Hebel um und verlor einen fünfstelligen Betrag im unteren Bereich.
Die Wende brachte ein Kumpel, dem er einst Tipps fürs Planspiel gegeben hatte. Beide abonnierten den Börsenbrief TSI vom Aktionär, der nach relativer Stärke kauft und eine Börsenampel führt. Rund zwei Jahre lief das gut, dann wurde der Brief teurer, nach seiner Erinnerung um etwa 100 Euro pro Jahr. Bei seinem Arbeitgeber hatte er Excel-Programmierung gelernt. Nach einer Woche Backtesting hatte er die Ampel und die Kauf- und Verkaufszeitpunkte nachgebaut. Die beiden stellten ihre Depots um und kündigten das Abo.
Auf wikifolio wechselte er, weil man ein Musterdepot dort in Monatsraten besparen kann und er den Freistellungsauftrag besser steuern kann. Er begann mit deutschen Aktien, später kam Amerika dazu. Den Weltindikator aus dem TSI fand er zu träge, also ergänzte er den Trend jedes Landes und danach zwei makroökonomische Bausteine. Nach dem Fehlgriff zur Krim-Zeit, als er gegen die grüne Ampel verkaufte, zurückkaufte und wieder abwickelte, sagte er sich, dass es Änderungen nur noch nach einem Backtest gibt.
So funktioniert Michaels Excel-Ampel-Strategie
Michael Kranich führt vier Musterdepots bei wikifolio. Eines deckt den S&P 500 ab, eines den Stoxx 600 mit 600 Titeln, eines die rund 300 bis 320 Werte im Prime Standard. Im vierten handelt er Knock-out-Zertifikate auf Werte aus DAX, MDAX und SDAX, weil es dafür meist passende Scheine gibt.
Die Börsenampel zählt vier Teilsignale. Der Weltindex, aktuell der ACWI, steht auf Grün oder Rot, je nachdem, wie sich zwei gleitende Durchschnitte kreuzen. Für jedes Land kommt ein eigener Trend dazu, für Amerika aus drei Indizes, für Deutschland aus DAX, MDAX und SDAX. Den Gebert-Indikator rechnet er nach, mit dem Wechselkurs Euro zu Dollar, der letzten EZB-Entscheidung, der Jahreszeit und der Inflation. Für Amerika nimmt er den Dollarindex. Der vierte Baustein nach Uwe Lang misst vorauslaufende Inflationstreiber wie Öl und Strom, seit Kurzem auch Gas und den Wasserstoffpreis.
Die Ampel entscheidet nur über freies Cash. Bei Grün geht es in einen ETF oder ein Zertifikat, das den Index eins zu eins abbildet, bei Gelb bleibt es liegen. Bei Rot kauft er einen Short-ETF auf den Index in Höhe der Aktienquote, bei 35 Prozent Aktien also 35 Prozent, der Rest bleibt Cash. Rote Phasen gab es in zehn Jahren ungefähr fünfmal.
Für die Aktien misst ein Excel-Makro jede Woche die Stärke jeder Aktie an ihrem eigenen Kursverlauf, mit Blick auf die Benchmark und in der Landeswährung. Zeigt ein grünes Feld ein Kaufsignal und ist Cash da, kauft er sofort die volle Position. Früher stieg er in vier Stufen ein, die Backtests sprachen für einen Schritt. Im S&P-Depot kauft er nur nach, wenn wieder 5 Prozent Cash frei sind. Springt eine Aktie wegen einer Übernahme, lässt er sie liegen, die Schlagzeilen prüft er auf finanznachrichten.de.
Michael Kranich als Investor zwischen Disziplin, Verlusten und Gelassenheit
Im Corona-Crash 2020 stand die Ampel nicht auf Rot, sein Depot lief ohne Absicherung weiter. Als der Ölpreis negativ war, stand er nach eigenen Worten kurz davor, aus dem Gefühl heraus zu verkaufen oder abzusichern. Er hielt sich an die Regeln, und die fast V-förmige Erholung gab dem System recht.
Die Phasen mit Donald Trump lassen ihn das System hinterfragen, dann kribbelt es, sagt er. Im vergangenen Jahr testete er Stop-Loss und Branchenvergleiche, legte für jede Idee eine eigene Datei an, zeitweise 30 bis 40, und ließ den Laptop die Woche über durchrechnen. Heute ist er sehr entspannt, auch wenn nach seiner Schätzung rund 70 Prozent des Amerika-Depots in Halbleitern stecken und ihm das gefühlt zu wenig gemischt ist.
Die Routine ist kurz. Das Makro läuft rund zwei Minuten, die meiste Zeit kostet das Herunterladen der Daten, mit dem Handeln ist er nach etwa einer Viertelstunde durch. Danach schreibt er eine Wochenübersicht mit dem Vergleich zur Benchmark und den fünf größten Gewinnern und Verlierern. An den Bildschirm klebt er den Satz „Renne nicht den letzten Prozent hinterher“. Wer im Nachhinein den besseren Kurs 10 Prozent weiter sieht, soll sich nicht verrückt machen, langfristig trifft man ihn ohnehin nicht.
Was das für dich heißt
Michael Kranich steuert vier wikifolios mit einer Excel-Datei. Das Werkzeug ist einfach, die Disziplin dahinter nicht:
- Er handelt nach seinem System, auch wenn sich der Markt gerade zu heiß anfühlt. Wann hast du zuletzt gegen deine eigenen Regeln gehandelt, weil dir die Lage zu unsicher vorkam?
- Er ändert sein System nur, wenn er die Idee vorher mit einem Backtest geprüft hat. Woher weißt du, ob eine Änderung an deinem Vorgehen früher überhaupt funktioniert hätte?
- Er investiert freies Geld nur, wenn seine Ampel auf Grün steht, bei Gelb bleibt es Cash. Nach welcher Regel entscheidest du, wann neues Geld in den Markt geht?
- Er fragt sich immer wieder, ob sein System noch zeitgemäß ist. Wann hast du dein Regelwerk zuletzt bewusst überprüft, statt es nur zu befolgen?
Weiter in der Reihe wikifolio Trader: Folge 35 →
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Alle Folgen ansehen →Michael Kranich ist gelernter Bankkaufmann und startete mitten in der Finanzkrise 2009 in die Praxis. Sein Handwerkszeug baut er sich selbst, in Excel.
Aus den Kommentaren
Mehr Erfahrungen →Interessantes Interview. Systemtreue, Gelassenheit und Hinterfragen wird belohnt. Technisch stelle ich mir das schwierig vor, der zeitliche Einsatz war sicher auch enorm. Sehr viel Disziplin, Hut ab.
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Lies, was Michael Kranich dazu sagt, neben den Antworten der anderen Profis:
- Wie viele Aktien hast du im Depot?Michael Kranich: Von über 70 Titeln auf die 20 stärksten
- Wann brichst du deine eigenen Regeln?Michael Kranich: Krim-Krise: Ampel auf Grün, er ging trotzdem short












