Dr. Hendrik Leber: Buffett-Stil mit KI weiterentwickelt
Der ACATIS-Gründer investiert seit 30 Jahren nach Buffett und lässt seit 2016 eine eigene KI mitentscheiden, welche Aktien ins Portfolio kommen.
Bevor Dr. Hendrik Leber Ende 1994 ACATIS gründete, bat er Warren Buffett per Brief um die Geschäftsberichte der letzten 20 Jahre. Die Antwort kam in Buffetts Handschrift, er solle 20 Dollar in einen Umschlag legen. Nach der Lektüre hielt Leber vieles aus seinem Studium für falsch. 2014 machte ACATIS die ersten Experimente mit KI, 2016 kam nach seinen Worten der erste Fonds weltweit mit KI auf den Markt.
Im Gespräch zeigt er, wie sein Value Investing heute rechnet. Er nennt es Buffett 2.0. Für jede Aktie ermittelt er aus Bilanz, Umsatzprognose und Kapitalbedarf eine erwartete Rendite, und sauber gerechnet liefern viele Firmen derzeit nur 4 bis 8 Prozent. Aus den Favoriten seiner Portfolio-Manager stellt eine eigene KI Depots zusammen, die Regionen folgen einer groben Quote von 50 Prozent USA und 30 Prozent Europa.
Die wichtigsten Erkenntnisse
Sein Regelwerk, 6 Punkte: Auswahl 4 · Depot 1 · Routine 1
-
RegelAuswahlWachstum ja, Herdentrieb neinKlare Aussage Growth ist Teil von Value, nicht sein Gegenteil. Auf die Frage, was der eigentliche Gegensatz von Value sei, widerspricht Hendrik Leber der verbreiteten Meinung „Growth“: „Denn Growth ist Teil der Value-Gleichung.“ Buffett habe Value und Growth einmal als siamesische Zwillinge beschrieben, die an der Hüfte zusammengewachsen seien. Der wahre Gegenpol sei stattdessen Momentum, also das reine Hinterherlaufen der Herde.
Zitat & Begründung
„Wenn aber jemand kauft, weil die Aktie schon so gut gestiegen ist, dann ist das Momentum.“ ▶ 10:33
- Profitables Wachstum von 20 oder 30 Prozent rechnet er zum Wert, auch wenn die Firma nach Buchwert teuer aussieht.
- Wer kauft, weil der Kurs schon gestiegen ist, läuft nur der Herde hinterher. Das hat mit seinem Stil nichts zu tun.
-
RegelAuswahlBewertung beginnt bei der Bilanz10 Jahre PrognoseHürde 10 % aufs operative Vermögen Sein eigenes Bewertungsmodell entstand mit einem New Yorker Professor. Gemeinsam mit Professor Steven Penman hat Hendrik Leber ein Modell entwickelt, das von der Bilanz ausgeht: „Das Einzige, was ich von der Firma erstmal sicher weiß, ist die Bilanz.“ Daraus berechnet ACATIS für praktisch jede weltweit gelistete Firma eine erwartete Rendite.
Zitat & Begründung
„Das Einzige, was ich von der Firma erstmal sicher weiß, ist die Bilanz.“ ▶ 5:34
- Er trennt das operative Geschäft vom Finanzteil, weil der Finanzteil nur mit den Zinsen mitschwimmt.
- Den Umsatz schätzt er zehn Jahre voraus, danach rechnet er mit Seitwärtslauf.
- Liegt die Rendite aufs operative Vermögen unter 10 Prozent, wächst die Firma, verdient aber nichts damit.
-
RegelAuswahlGewinn vor Umsatz und CashflowKlare Aussage Bei den heutigen KI-Aktien ist er skeptisch, weil die Rechnung nicht aufgeht. „Umsatz zählt nicht, für mich zählt der Gewinn und auch übrigens nicht der Cashflow.“ Sein zentraler Kritikpunkt: Die Abschreibungen der großen KI-Firmen seien zuletzt stärker gestiegen als der Umsatz. Das Geschäft sei von „Asset light“ zu „Asset heavy“ geworden.
Zitat & Begründung
„Umsatz zählt nicht, für mich zählt der Gewinn und auch übrigens nicht der Cashflow.“ ▶ 48:10
- Bei den großen KI-Firmen sind die Abschreibungen stärker gestiegen als der Umsatz.
- Ausschütten kann eine Firma nur den Gewinn, nicht den Cashflow.
-
RegelDepotZulieferer statt bekannter Namenrund 30 % KI-Anteil Er sieht sich selbst nicht als verspäteten Einsteiger. Auf den Vorwurf, er könnte wie Buffett bei Google oder Apple den KI-Zug verpassen, verweist Hendrik Leber auf frühe Käufe bei Nvidia und Palantir. Sein Fonds sei mit rund 30 Prozent in KI-nahen Titeln investiert, allerdings bei weniger prominenten Zulieferern statt in den bekannten großen Namen.
Zitat & Begründung
„Wir sind nur bei den Firmen dabei, die Teile dafür liefern.“ ▶ 53:16
- Jeder Boom platzt irgendwann, ein paar Spieler bleiben übrig und viele verlieren. Er setzt auf die Überlebenden.
- Zulieferer der Chipproduktion werden bei jedem Auf und Ab gebraucht, notfalls ein Jahr später.
-
RegelAuswahlAussieben statt Index Er kauft nicht den ganzen Index, sondern wählt Titel nach Qualität aus. „Und ich sage nur in so einem ETF, das ist wie bei einer Wurst, da ist alles drin. Da ist kein Qualitätsmerkmal drin. Da sind die guten und die schlechten Firmen drin.“ Statt aus jedem Regal ein Stück zu nehmen, will er nur die Titel, die ihm gefallen. Deshalb setzt ACATIS inzwischen selbst auf einen aktiv gemanagten ETF, der Börsenhandelbarkeit mit aktiver Titelauswahl kombiniert.
Zitat & Begründung
„Ich brauche Titel, die mir gefallen und die möchte ich gern drin haben.“ ▶ 1:18:56
- Im Index stecken gute und schlechte Firmen ohne jedes Qualitätsmerkmal.
- Bei der Jagd nach billigen Gebühren kauft man oft schlechte Qualität mit ein.
-
SkeptischRoutineKein Vertrauen in BacktestsKlare Aussage Backtests hält er für Selbstbetrug. „Also darum glaube ich, ich traue Backtests überhaupt nicht.“ Weil das Modell aus der eigenen Vergangenheit lernt, sehe ein Rückblick zwangsläufig gut aus.
Zitat & Begründung
„Also darum glaube ich, ich traue Backtests überhaupt nicht.“ ▶ 1:07:36
- Das Modell lernt aus der eigenen Vergangenheit, ein Rückblick muss deshalb gut aussehen.
- Er prüft lieber die Verteilungen der Ergebnisse und lässt kleine Portfolios zur Beobachtung mitlaufen.
Meinungen von Dr. Hendrik Leber aus dem Gespräch, keine Anlageberatung. Zitate wörtlich, die Zeitmarke springt zur Stelle im Video.
Wie Hendrik Leber seine eigene Bewertungsmethodik und den Weg zu ACATIS entwickelt hat
Hendrik Leber kommt aus einer Familie von Lehrern und Juristen. Sein Vater arbeitete in den Finanzen eines Edelstahlherstellers, notierte seit Kriegsende jeden Tag die Börsenkurse und erklärte ihm, wie man das Bezugsrecht einer Wandelanleihe bei einer Bayer-Aktie rechnet. Trotz guter Noten studierte Leber BWL statt Medizin, antizyklisch, wie er sagt, weil das Fach ohne Numerus Clausus keiner wollte.
Nach dem Studium machte er den Doktor, ging für geplante zwei Jahre zu McKinsey, blieb länger und arbeitete dort viel mit Banken und an Unternehmensbewertung. Danach arbeitete er in der Corporate Finance beim Bankhaus Metzler und merkte, dass die Welt, wie er sie gerechnet hatte, mit der echten kaum übereinstimmte. Nach dem Tod von Christoph von Metzler Ende 1993 hielt er noch ein Jahr durch.
Mit seiner Frau machte er sich selbstständig und unterschätzte den Vertrieb. Im Dezember 1994 schalteten die beiden drei Anzeigen, in Reader's Digest, einer Bridge-Zeitschrift und Jagd und Hund, und warteten am Telefon auf Anrufe, die nicht kamen. Nach drei Jahren mit einer Markowitz-Optimierung war klar, dass Mathematik keinen einzigen Kunden bringt. Leber koppelte das Thema Value an Warren Buffett, schrieb textlastige Anzeigen für Bildschirmtext und die Direktanlagebank und unterstützte eine Buffett-Biografie finanziell. Seine Lehre: 50 Prozent der Arbeit sind Vertrieb, 50 Prozent Produktion.
Ein früherer Kollege, der als Untermieter ins Büro kam, wurde Anteilseigner und baute den Vertrieb über Mittelsleute auf. Im Jahr 2000 brachte eine Performance-Fee nach Lebers Erinnerung rund 100.000 Euro.
So funktioniert Hendrik Lebers Value-2.0-Strategie mit künstlicher Intelligenz
Beim Autohersteller rechnet Leber zuerst die Autobank heraus, weil dieser Teil nur den Zins einer Bundesanleihe bringt. Den Umsatz schätzt er zehn Jahre voraus, danach läuft er im Modell ewig seitwärts. Wächst das Bruttosozialprodukt wie in Deutschland um 1 Prozent, hält er für eine stärkere Firma 3 bis 5 Prozent für realistisch. Bei Uber zählt er seit etwa 2019 die monatlich aktiven Nutzer, rund 10 Prozent oder 20 Millionen mehr pro Jahr.
Danach kommt der Kapitalbedarf je Euro Umsatz. ACATIS hat schon Aktien verkauft, weil Firmen zu viel zukauften und der Kapitalumschlag sank. Vom operativen Einkommen zieht Leber einen hypothetischen Steuersatz von etwa 30 Prozent ab. Liegt die Rendite auf das operative Vermögen bei 5 statt über 10 Prozent, wächst die Firma, verdient aber kaum. Mit der Zielwertsuche in Excel sucht er den Abzinsungssatz, bei dem die Zahlungsströme dem Börsenwert entsprechen. Meist kommen 8 bis 9 Prozent heraus, bei teuren Aktien 4.
Die billigste Liste allein ergibt eigenartige Firmen, etwa Fortescue Metals im Streit mit der chinesischen Regierung. Deshalb zählen Qualität und Marktanteil mit, gemessen an den zehn größten Firmen einer Branche. Als Leitschnur gelten 50 Prozent USA, 30 Prozent Europa, je 10 Prozent Japan und China, IT liegt bei rund 35 Prozent. Sind Kurse zu hoch, nimmt er Gewinne mit und kauft billiger nach.
Im neuesten Modell sucht die KI aus 300 bis 400 Aktien der Portfolio-Manager die 50, die sich am besten kombinieren lassen, und gibt Gewichte wie 3 oder 5 Prozent vor. Sie simuliert mehrere tausend Welten für 60 oder 90 Tage, ein evolutionärer Algorithmus sortiert aus 1.000 Portfolios nach jedem Lauf die Hälfte aus, 100 bis 300 Mal. Jedes Modell lebt ein bis zwei Monate, ACATIS ist bei Modell 47. Hit Ratio und Performance Ratio misst das Haus monatlich über alle Fonds.
Hendrik Leber als Fondsmanager und Vertriebspionier mit Neugier, Ausdauer und Vertrauen
Ob Vertrieb oder Performance das Geld bringt, beantwortet Leber mit Vertrieb. Bei einem Fotoshooting für das Manager Magazin fragte ihn ein anderer auf dem Bild, wer er sei, obwohl Leber in der Rangliste vor ihm stand. Werbekugelschreiber lehnt ACATIS seit 30 Jahren ab, VIP-Kunden bekommen Bücher.
Erhebliche Rückschläge kamen etwa alle zwei bis fünf Jahre. Nach dem 11. September wollte keiner mehr investieren. Im März 2009 saß das Team zusammen und fragte sich, was es falsch mache, danach ging es aufwärts. In der Griechenland-Krise setzte er darauf, dass die Politik das Land nicht rettet, die Rettung ging zu seinen Lasten. Heute haut ihn so schnell nichts um, weil er alle Krisen schon einmal gesehen hat.
Den schwersten Rückschlag der letzten Jahre brachte ein großer Kunde, der zwei Milliarden zurückholte, weil ihm Internet und KI grüner erschienen als die vereinbarte Anlagepolitik. Eigenmächtig aus dem Mandat auszubrechen, hätte Leber nicht gedurft.
Neugier führte ihn 2016 zu Bitcoin. Nach einem Hinweis aus den Value-Seminaren besuchten Leber und seine Frau einen Uni-Kurs zur Blockchain und kauften statt Gold Bitcoin, nach seiner Erinnerung zu etwa 600 Euro. Heute zieht ein neuer Sprecher der Geschäftsführung Vertrieb und Marketing an sich, Leber will Aktien auswählen und KI-Agenten optimieren. Für den Bildschirm nimmt er den Satz aus der ACATIS-Broschüre, „Price is what you pay, value is what you get“.
Was das für dich heißt
Dr. Hendrik Leber verwaltet mit ACATIS Milliarden und arbeitet seit Jahren mit KI. Trotzdem prüft er vieles noch selbst:
- Er traut Backtests nicht und lässt stattdessen kleine Portfolios zur Beobachtung mitlaufen. Vertraust du deiner Strategie wegen eines schönen Rückblicks oder weil du sie unter echten Bedingungen beobachtet hast?
- Er beginnt jede Bewertung bei der Bilanz, weil sie das Einzige ist, was er sicher weiß. Womit beginnt deine Analyse: mit Fakten oder mit einer Geschichte?
- Er siebt hart aus: Von 26 Aktien, die er im Zug durchgeblättert hat, bleiben gut zehn für die genaue Prüfung. Wie viele Ideen verwirfst du, bevor du eine kaufst?
Weiter in der Reihe Institutionelle Einblicke: Folge 9 →
Seine Positionen
Welche Anlagen Dr. Hendrik Leber im Gespräch nennt: was er hält, kritisch sieht oder meidet (Stand: Aufnahme im Juli 2026).
-
HältBitcoinseit 2016, als Reserve statt Gold1:50:02 Zitat
„Ja, also Bitcoin selber halte ich für eine sehr sinnvolle Geschichte, weil das Angebot begrenzt ist.“
-
SkeptischGoldAngebot nicht begrenzt1:50:02 Zitat
„Bei Gold ist das Angebot nicht begrenzt. Wenn der Goldpreis steigt, dann grabe ich tiefer“
-
SkeptischIndex-ETFsalles drin, kein Qualitätsmerkmal43:26 Zitat
„das ist wie bei einer Wurst, da ist alles drin. Da ist kein Qualitätsmerkmal drin.“
-
SkeptischBekannte KI-Titelmüssen stark runterkommen52:48 Zitat
„aber hoffentlich nicht so stark wie die KI-Titel, die meiner Ansicht nach sehr stark runterkommen müssen.“
-
HältKI-Zuliefererrund 30 % im Fonds53:24 Zitat
„sicher um die 30 % KI-Anteil, aber eben nicht die Namen, die hochgetrieben wird, sondern die, die man nicht so kennt.“
-
HältTSMCbei hohen Kursen Gewinne mitnehmen58:32 Zitat
„Aber wenn die Kurse mal zu hoch sind, dann nehme ich mal Gewinne mit.“
-
HältBerkshire Hathawayfast 30 Jahre im Fonds1:24:41 Zitat
„Wir haben eine Aktie, die Berkshire, seitdem ununterbrochen dabei.“
-
MeidetGameStopfundamental nicht interessant1:23:34 Zitat
„Ich werde da nicht mitgehen, weil ich fundamental investiere und eine GameStop ist fundamental für mich nicht interessant.“
Meinungen aus dem Gespräch, keine Anlageberatung. Zitate wörtlich, die Zeitmarke springt zur Stelle im Video.
Buchtipps von Dr. Hendrik Leber
Buchtipps aller Gäste →Weitere Folgen
Alle Folgen ansehen →Leber kam schon als Kind zur Börse: Als Zehnjähriger kaufte er von seinem Taschengeld seine erste Aktie und ging danach regelmäßig zur Bank, um am Kursaushang nachzuschauen, ob sie gestiegen oder gefallen war.
Aus den Kommentaren
Mehr Erfahrungen →… Gute Fragen auch vom Interviewer. Habe den Kanal erst durch dieses Video entdeckt und lasse mal ein Abo da.
Ich finde die Einschätzung von Herrn Leber zur KI sehr interessant. Vielen Dank
Sehr interessantes und anspruchsvolles Video. Hr. Leber hat tiefes Fachwissen und möchte die Firmen die er kauft, ziemlich tief verstehen. Auch sein Interesse an Geschäftsmodellen und neuer Technologie ist bemerkenswert. … Dieses Mal ging es nicht um einzelne Unternehmen bzw. Aktien, sondern um den Mensch und die größten Fehlschläge, um von der langen Erfahrung zu profitieren. Sehr gutes Interview, gute Fragen. Weiter so.
Begriffe aus dieser Folge
Profis antworten
Lies, was Dr. Hendrik Leber dazu sagt, neben den Antworten der anderen Profis:
- Wann verkaufst du mit Gewinn?Dr. Hendrik Leber: Sind die Kurse zu hoch, nimmt er Gewinne mit
- Wie gehst du mit Gier und FOMO um?Dr. Hendrik Leber: Als Fondsmanager: Er setzt auf die Überlebenden eines Trends
- Wie findest du neue Ideen?Dr. Hendrik Leber: Konferenzen der Research-Häuser
- Mit wie viel Geld fängt man an?Dr. Hendrik Leber: Mit zehn Jahren die erste Aktie vom Taschengeld
- Wie prüfst du eine Strategie, bevor du sie handelst?Dr. Hendrik Leber: Traut Backtests überhaupt nicht















