[Bulle & Mensch]
Folge 3 · 1 Buchtipp

Risikomanagement im Trading: Bernhard Mitterlehner

Ein Finanzmathematiker erklärt, warum sein öffentliches wikifolio nicht auf maximale Rendite zielt, sondern darauf, in Krisen nicht dabei zu sein.

Bernhard Mitterlehner hatte Ende 2020 und Anfang 2021 mit Echtgeld erfolgreiche Börsenmonate und gestand sich zwei, drei Jahre später ein, dass diese Erfolge zum großen Teil auf Glück aufgebaut waren. 2023 ließ er die Einzelaktien weg. Heute investiert er nach einer Momentum-Strategie, die er über rund 30 Jahre zurückgetestet hat, durch den Dotcom-Crash 2000 und die Finanzkrise 2008. In seinen Backtests lag der maximale Drawdown bei 10 bis 15 Prozent statt bei 50 Prozent.

Bernhard Mitterlehner hat Finanzmathematik an der TU Wien studiert und nennt sich selbst einen Excel-Nerd. Beim Momentum Investing rechnet er jede Regel selbst in Excel nach und versucht, den Zahlen auch dann zu folgen, wenn sein Bauchgefühl etwas anderes sagt. In seinen Musterdepots bei wikifolio stecken nach Marios Überschlag im Gespräch über 650.000 Euro.

„Der große Vorteil von Momentum Investing ist nicht, dass man mehr Geld verdient, sondern dass man weniger Geld verliert, dann wenn es kritisch wird.“
– Bernhard Mitterlehner

Die wichtigsten Erkenntnisse

Sein Regelwerk, 8 Punkte: Ziel 1 · Ausstieg 1 · Routine 1 · Auswahl 2 · Psychologie 1 · Risiko 1 · Einstieg 1

  • RätZielVerluste vermeiden vor Rendite10 bis 15 % Drawdown

    Verluste vermeiden schlägt Rendite maximieren. Wer die großen Drawdowns umgeht, kann den Markt schlagen, ohne je eine Traumrendite gehabt zu haben (in seinen Backtests 10 bis 15 Prozent Maximum Drawdown statt 50 Prozent).

    Bernhard Mitterlehner · bei 24:23

    Zitat & Begründung
    „Der grosse Vorteil von Momentum Investing ist nicht, dass man mehr Geld verdient, sondern dass man weniger Geld verliert“ ▶ 24:23
    1. In seinen Backtests lag der Maximum Drawdown bei 10 bis 15 Prozent statt 50 Prozent.
    2. Im Jahr 2000 wäre er nach 10 Prozent Minus draußen gewesen.
    3. Gewinne kommen ohnehin, Verluste zu vermeiden ist für ihn viel einfacher.
  • RegelAusstieg200-Tage-Linie als Signal10 MonateKlare Aussage

    Die 200-Tage-Linie ist das Signal, nicht das Bauchgefühl: der Durchschnitt der letzten 200 Handelstage, also rund zehn Monate. Fällt ein Markt darunter, wird verkauft. Erst über der Linie darf wieder gekauft werden.

    Bernhard Mitterlehner · bei 23:40

    Zitat & Begründung
    „Ganz konkret, wenn der Kurs unter die 200-Tage-Linie fällt, spätestens dann, einfach raus.“ ▶ 23:40
    1. Er schaut auf den Durchschnitt der letzten 200 Handelstage, also rund zehn Monate.
    2. Mit zehn Monaten funktioniert es in seinen Tests für die meisten Märkte besser als mit zwölf.
    3. Wieder rein geht er erst, wenn der Markt über der Linie liegt.
  • RegelRoutineEntscheiden zum Monatswechsel1× im MonatKlare Aussage

    Entschieden wird nur einmal im Monat, genau zum Monatswechsel. Seine Backtests sind da eindeutig. Psychologisch hält er es selbst nicht immer durch und gibt das offen zu.

    Bernhard Mitterlehner · bei 35:20

    Zitat & Begründung
    „Das Ergebnis war ganz eindeutig, mach es nur einmal im Monat.“ ▶ 35:20
    1. Er hat täglich, wöchentlich und monatlich vom Computer durchrechnen lassen.
    2. Psychologisch fällt es ihm schwer und er gibt zu, dass er öfter handelt.
    3. Rund um den Monatswechsel steigen die Kurse oft, darum wartet er mit dem Ausstieg bis zum Monatsende.
  • RegelAuswahlGanze Märkte statt Einzeltitel

    ETFs statt Einzelaktien: ganze Märkte bewegen sich träger und sind statistisch besser greifbar. Bei Einzelaktien stören News und vier Earning Seasons pro Jahr.

    Bernhard Mitterlehner · bei 18:45

    Zitat & Begründung
    „ich handle fast nur noch ETFs, ganze Märkte, weil die viel träger sich bewegen und viel besser vorherzusagen sind als Einzelaktien“ ▶ 18:45
    1. Bei Einzelaktien stören News, Gerüchte und vier Earning Seasons im Jahr.
    2. Ganze Märkte wie DAX oder Nasdaq lassen sich mit Statistik besser greifen.
    3. Einzelaktien macht er nur noch als Hobby mit höchstens einem halben Prozent seines Vermögens.
  • RätPsychologie60/40 als Messlatte60 % richtig

    Die 60/40-Messlatte: „wenn 60 % der Entscheidungen richtig sind und 40 % falsch, dann ist man schon bei den aller, allerbesten Leuten dabei.“

    Bernhard Mitterlehner · bei 34:43

    Zitat & Begründung
    „wenn 60 % der Entscheidungen richtig sind und 40 % falsch, dann ist man schon bei den aller, allerbesten Leuten dabei“ ▶ 34:43
    1. Fehlsignale gehören für ihn dazu, das ist Wahrscheinlichkeitsrechnung.
    2. Wer aktiv an der Börse ist, muss akzeptieren, dass er nicht immer gewinnt.
    3. Es reicht, öfter zu gewinnen als zu verlieren.
  • RegelRisikoFünf-Minuten-Regel5 MinutenKlare Aussage

    Liquidität ist Grundsatz Nummer eins: kaufen nur, was sich innerhalb von fünf Minuten wieder verkaufen lässt. Gelernt hat er das im März 2020, als ein Fondsverkauf drei bis vier Werktage brauchte.

    Bernhard Mitterlehner · bei 53:16

    Zitat & Begründung
    „mein Grundsatz ist, kaufe nie etwas, das du nicht innerhalb von fünf Minuten wieder verkaufen kannst“ ▶ 53:16
    1. Im März 2020 dauerte der Verkauf eines klassischen Fonds drei bis vier Werktage.
    2. In dieser Zeit sah er sein Geld immer weniger werden.
    3. Seither hält er nur Aktien und ETFs, keine Versicherung und keinen Fonds ohne Börsenhandel.
  • RegelEinstiegSaisonalität als zweiter FilterHälfte des Geldesnur bei positivem Momentum

    Saisonalität als zweiter, unsicherer Faktor: Gold läuft im Jänner und Februar gut, der September ist historisch der schwächste Monat.

    Bernhard Mitterlehner · bei 50:21

    Zitat & Begründung
    „Ich weiß, die Saisonalitäten sind unsicher. Sie funktionieren hervorragend auf sehr lange Sicht, auf 20, 30 Jahre.“ ▶ 50:21
    1. Gold und Silber laufen im Jänner und Februar am besten, der September ist über Jahrzehnte der schwächste Monat.
    2. Nur etwa die Hälfte seines Geldes richtet er auch nach der Saisonalität aus.
    3. Ohne positives Momentum schaut er gar nicht auf die Saisonalität.
  • RätAuswahlMachen, was sonst niemand macht

    Outperformance entsteht dort, wo kaum jemand hinschaut: „Out-Performance kannst du erzielen, wenn du etwas machst, was sonst niemand macht.“

    Bernhard Mitterlehner · bei 1:28:45

    Zitat & Begründung
    „Out-Performance kannst du erzielen, wenn du etwas machst, was sonst niemand macht.“ ▶ 1:28:45
    1. Value Investing ist klug, aber jeder macht es, deshalb bringt es keine Outperformance mehr.
    2. Fast alle Menschen hassen Statistik, darum setzt er genau darauf.
    3. Fleiß und viel Recherche führen beim Investieren nicht automatisch zum Erfolg.

Meinungen von Bernhard Mitterlehner aus dem Gespräch, keine Anlageberatung. Zitate wörtlich, die Zeitmarke springt zur Stelle im Video.

Wie Bernhard Mitterlehner seine Momentum-Strategie entwickelt hat

Den Anstoß gab ausgerechnet ein Finfluencer. Mario Lochner aus München stellte eine Momentum-Strategie des Amerikaners Mebane Faber vor. Bernhard Mitterlehner lud sich dessen Papers von ungefähr 2012 herunter und war überrascht, wie zugänglich sie im Vergleich zum Uni-Stoff waren, „total simpel“. Kurz darauf stieß er auf Gary Antonacci, dessen Bestseller „Dual Momentum Investing“ und vor allem dessen Papers er als zweite Quelle nutzte. Aus beidem destillierte er seine eigene Strategie und testete sie an rund 30 Jahren Marktdaten zurück, inklusive Dotcom-Crash 2000 und Finanzkrise 2008.

Der zweite Grund für seine Überzeugung ist ein struktureller. Value-Investing habe an Wirkung verloren, seit es zu viele anwenden. Momentum sei davon nicht betroffen. Im Gegenteil, je mehr Menschen einem steigenden Kurs folgen, desto besser funktioniert das Signal. Dass er sich trotzdem nicht immer daran hält, gibt er unumwunden zu. Bei der koreanischen Börse stieg er einmal vorzeitig aus, weil er sie für überbewertet hielt, obwohl sein eigenes Momentum-Signal Halten sagte. Korea stieg weiter. Sein Fazit lautet „Die Zahlen sind intelligenter als ich selbst.“

So funktioniert Bernhard Mitterlehners Momentum-Strategie

Im Zentrum steht die Golden-Harbor-Strategie mit rund 13 Anlageklassen. Dazu gehören S&P 500 und Nasdaq, in Europa DAX, Stoxx Europe 50 und Stoxx Europe 600, dazu MSCI World Momentum, MSCI World Financials, Gold, Silber, ein Bitcoin-Anteil von 3 bis 4 Prozent, ein MSCI Japan (teils euro-gehedgt), der Goldman Sachs Commodity Index und Emerging Markets. Bewusst nicht dabei ist der MSCI World, der ihm für Trend Investing zu träge ist.

Investiert wird nur in Anlageklassen mit positivem Momentum. Anders als bei Gary Antonaccis absolutem Momentum, das eine Anlageklasse nur gegen sich selbst prüft, nutzt Bernhard Mitterlehner überwiegend relatives Momentum. Er kauft etwa das stärkste Drittel der Anlageklassen. Umgeschichtet wird in 5-Prozent-Schritten. Verkauft er zum Beispiel den Nasdaq zum Jahreswechsel, wandern diese 5 Prozent in Gold, weil dort die Saisonalität passt. Bleibt nur eine einzige positive Anlageklasse übrig, investiert er gar nicht. Bleiben zwei, gehen jeweils 20 bis 30 Prozent hinein und der Rest in Cash.

Benchmark ist der MSCI All Country World Index IMI, inklusive Schwellenländern und Small Caps. Das ist der Index, den er kaufen würde, wenn er sich überhaupt keine Gedanken machen wollte. Sein Ziel sind ein paar Prozentpunkte Outperformance pro Jahr, im besten Fall zehn, zufrieden wäre er mit fünf. Für gehebelte Varianten gilt bei ihm eine harte Grenze, außer mit ganz kleinem Geld nie mehr als dreifacher Hebel und niemals gehebelt investieren, wenn der Trend nicht positiv ist.

Bernhard Mitterlehner als Investor zwischen Selbstzweifel, Disziplin und Geduld

„Ich krieg keine Panik mehr. Andere Leute werden verrückt werden und wahrscheinlich vor fünf Jahren wäre ich ebenfalls noch verrückt geworden“
– Bernhard Mitterlehner

Trotz des mathematisch strengen Ansatzes beschreibt sich Bernhard Mitterlehner als jemanden, der sich permanent selbst überprüft. „Selbstzweifel ist wirklich gut“, sagt er, bescheiden bleiben und immer nach Leuten suchen, die besser sind als man selbst. Dazu kommen seine weiteren Lehren. Einzelaktien weitgehend lassen, weil der Aufwand es nicht wert ist. Sich nicht auf Fleiß verlassen, weil harte Recherche an der Börse anders als im Beruf nicht automatisch zu Erfolg führt. Und Geduld haben, weil man Erfolg nicht erzwingen, Misserfolg durch breites Streuen aber gut vermeiden kann.

Angst kennt er im Alltag kaum noch. Nervös wird er höchstens von einer offenen fachlichen Frage, die ihn nachts nicht schlafen lässt. Dann erstellt er neue Statistiken. Zwei Ausnahmen benennt er selbst. Im März 2025 ging er großteils aus US-Aktien, obwohl die Zahlen es noch erlaubt hätten, weil er Angst hatte. Das bewahrte ihn vor dem Absturz, hielt ihn aber auch vom Wiedereinstieg ab. Und für den Fall, dass China Taiwan angreift, hat er einen fertigen Plan. Innerhalb von zehn Minuten will er raus sein, und zwar grundsätzlich aus allem, weil in einer Panik auch Gold verkauft wird. Sein Satz für den Bildschirmrand fällt entsprechend nüchtern aus, „nie alles auf eine Karte setzen“.

Was das für dich heißt

Bernhard Mitterlehner ist Finanzmathematiker und rechnet jede Regel selbst in Excel nach. Noch mehr sagt aus, wie er mit sich selbst umgeht:

  • Er trifft seine Entscheidungen nur einmal im Monat, genau zum Monatswechsel. Wie oft greifst du in dein Depot ein, nur weil du gerade hineinschaust?
  • Er kauft nichts, was er nicht innerhalb von fünf Minuten wieder verkaufen kann. Wie schnell kämst du aus deinen Positionen heraus, wenn du müsstest?
  • Er hat für einen Angriff Chinas auf Taiwan einen fertigen Plan: innerhalb von zehn Minuten raus aus allem. Für welchen Krisenfall hast du schon vorher festgelegt, was du tust?
  • Er überprüft sich ständig selbst und sucht nach Leuten, die besser sind als er. Wann hast du zuletzt jemanden um Rat gefragt, der es besser kann als du?

Weiter in der Reihe wikifolio Trader: Folge 24 →

Seine Positionen

Welche Anlagen Bernhard Mitterlehner im Gespräch nennt: was er hält, kritisch sieht oder meidet (Stand: Aufnahme im Februar 2026).

  • HältETFs auf große Märkteganze Märkte, solange Momentum positiv1:44:27
    Zitat
    „wo ich einfach die großen Märkte drin habe, solange sie ein positives Momentum haben“
  • HältGoldeine von vielen Assetklassen1:14:15
    Zitat
    „ich bin seit zwei Jahren ein großer Freund von Gold, aber nicht als Alternative, sondern als eine von vielen Assetklassen“
  • HältEmerging Marketslaufen vor allem im Sommer1:04:01
    Zitat
    „Emerging Markets funktionieren besonders gut dann, wenn andere nicht funktionieren, das heißt im Sommer“
  • HältBitcoin3 bis 4 %, nur mit Momentum1:02:07
    Zitat
    „Also meine Ergebnisse bis jetzt sind 3-4 % Bitcoin. Wenn es positiv läuft, beizumischen stabilisiert das Portfolio.“
  • MeidetKryptowährungen direktlieber ETFs als eigenes Wallet56:39
    Zitat
    „ich investiere nicht direkt in Kryptowährungen. Es fehlt mir einfach das Wissen dafür.“
  • HältGehebelte ETFsnur im Aufwärtstrend, höchstens dreifach1:49:03
    Zitat
    „ich würde auch niemals gehebelt investieren, wenn der Trend nicht positiv ist“
  • SkeptischEinzelaktiennur als Hobby, kleiner Betrag1:27:10
    Zitat
    „Vergiss Einzelaktien. Der Aufwand ist es nicht wert.“
  • MeidetNicht börsengehandelte FondsVerkauf dauerte 2020 tagelang54:11
    Zitat
    „Also keine Versicherung, keinen Fond, der nicht an der Börse gehandelt wird und gar keine schlimmeren Produkte.“

Meinungen aus dem Gespräch, keine Anlageberatung. Zitate wörtlich, die Zeitmarke springt zur Stelle im Video.

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Wer ist Bernhard Mitterlehner?

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Bernhard Mitterlehner hat Finanzmathematik an der TU Wien studiert, mit Schwerpunkt Wahrscheinlichkeitsrechnung. Beruflich arbeitet er als Consultant für Rückstellungsberechnungen im Versicherungsbereich. Das ist sein „Brotberuf“, während das Investieren ihm immer mehr Spaß macht.

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