Risiko im Welt-ETF: Larissa Kravitz (Investorella)
Investorella-Gründerin Larissa Kravitz erklärt, warum Millionen ETF-Sparer selbst zum Marktrisiko werden und wie sie mit F-Score, Sentiment-Daten und Whale Tracking wissenschaftlich investiert.
Larissa Kravitz, bekannt als Investorella, verfolgt einen ungewöhnlich wissenschaftlichen Investmentansatz: Scoring-Modelle wie den F-Score, Faktoren-Strategien und jahrelange eigene Sentiment-Forschung statt Bauchgefühl. Im Gespräch erklärt sie ihre These, warum massenhaftes, monatliches ETF-Sparen selbst zum systemischen Risiko wird. Außerdem erzählt sie eine der kuriosesten Anekdoten der Podcast-Geschichte über einen Astrologen, der halb Wall Street mit Mondphasen-Prognosen versorgt.
Die wichtigsten Erkenntnisse
- Die ETF-These: Millionen Anleger, die monatlich in dieselben marktkapitalisierungsgewichteten Indizes sparen, verstärken die Konzentration in den größten Titeln: Die Top-10-Gewichtung im S&P 500 stieg von 27 % (2000er) auf aktuell 37 %.
- F-Score statt Bauchgefühl: Der von Accounting-Professor Joseph Piotrowski entwickelte Score bewertet Unternehmen anhand von neun Bilanzkennzahlen. Je höher der Score, desto wahrscheinlicher steigt der Kurs im Folgejahr.
- Kein Fan von Optionsscheinen: „Ziemlich Safe-Zockerei“, so ihr Urteil. Ihr größtes Problem damit: die Abhängigkeit vom Market Maker.
- FOMO als größte Gefahr: „FOMO halte ich für eine der größten Gefahren am Kapitalmarkt“. Neben Overconfidence ist FOMO für sie einer der stärksten Markttreiber, den sie selbst schon erlebt hat.
- Dividenden trotz Ineffizienz: Obwohl ihr klar ist, dass Dividenden steuerlich und finanzmathematisch ineffizient sind, hält sie an einem separaten Dividendenportfolio fest, wegen des Alltagsnutzens des passiven Einkommens.
- Lehrfokus ETF statt Einzelaktien: Sie unterrichtet bewusst vor allem ETF-Investing, weil ein gutes Einzelaktienportfolio faktisch ein Nebenjob ist.
- Die Astrologie-Anekdote: Ein Newsletter für 24.000 Dollar im Jahr, der Rohstoff-Trades nach Mondphasen empfiehlt, abonniert von Citi, Goldman Sachs, JP Morgan und Merrill Lynch.
Wie Larissa Kravitz ihren quantitativen Ansatz entwickelt hat
2007 stieß Larissa über einen Newsletter-Analysten auf Joseph Piotrowskis F-Score-Paper von 1997, ursprünglich entwickelt, um Value-Fallen zu vermeiden. Parallel beschäftigte sie sich mit dem Backtesting von Trading-Strategien, inspiriert vom Klassiker „The Way of the Turtle“ von Curtis Faith über die legendären Turtle Traders. Ihr Interesse an Sentiment-Analyse entstand mit dem Aufkommen von Social Media während ihres Master-Studiums. Daraus wurden drei Jahre eigene Forschung zu Social-Media-Sentiment. Bereits 2007 ging sie short, weil sie einen Crash kommen sah, zu früh, wie sich zeigte, aber mit der richtigen Grundintuition.
So funktioniert Larissa Kravitz' quantitativer Investmentansatz
Modelle: F-Score (Piotrowski) und G-Score (Mohan Ram) zur Bewertung von Value- bzw. Wachstumstiteln, ergänzt um Faktoren-Strategien, Sentiment-Analyse, Whale Tracking und Congress Trading.
Portfolio-Struktur: Ein separates Dividendenportfolio für laufende Erträge trotz bekannter steuerlicher Ineffizienz, daneben ein offensiveres Wachstumsportfolio mit Momentum-Übergewichtung.
Ideenquelle: Bankenreports wie Goldmans Conviction Buy List dienen als Inspiration, nicht als direkte Kaufempfehlung. Sie sieht darin auch einen möglichen Interessenkonflikt der Banken.
Community-Portfolio: Rund 18 % IRR p.a., nicht öffentlich einsehbar.
Risiko-Haltung: Optionsscheine und stark marketmaker-abhängige Produkte meidet sie bewusst wegen mangelnder Preistreue.
Larissa Kravitz als Investorin über Familie, Fehler und Overconfidence
Larissas Vater investierte in den späten 90ern in Online-Videotechnologie, zehn Jahre zu früh, wie sich erst mit dem Aufstieg von YouTube 2004 zeigte, und mit erheblichen Verlusten. Diese Erfahrung prägte Larissas eigenen Weg: Statt ihrem ursprünglichen Traum von Film und Regie zu folgen, entschied sie sich für den Finanzbereich, weil sie dort bereits Vorerfahrung hatte. 2007 saß sie in einer Bank in Prag, als die Kurse einbrachen, und erlebte früh, wie sich Overconfidence am Markt rächt. Diese Beobachtung leitet sie bis heute.
„FOMO halte ich für eine der größten Gefahren am Kapitalmarkt.“
Ihr eigenes FOMO-Erlebnis beschreibt sie unumwunden, ebenso das „Bitcoin-Arrangement-Syndrom“: das Gefühl, bei Trend-IPOs und schnellen Kursbewegungen als konservativer, quantitativer Investor systematisch etwas zu verpassen.
Was das für dich heißt
Larissa Kravitz arbeitet quantitativ und kennt trotzdem ihre Schwächen genau. Das macht sie anders:
- Sie nutzt Bankenlisten wie die von Goldman nur als Inspiration und lässt jede Idee durch ihre eigenen Filter laufen. Übernimmst du Tipps direkt, oder laufen sie bei dir erst durch einen eigenen Filter?
- Sie hält Einzelaktien mindestens Monate, eher Jahre, weil sie Familie und ein eigenes Unternehmen hat. Passt dein Handelsstil zu der Zeit, die du wirklich hast?
- Sie weiß von sich, dass sie bei Einzelaktien oft zu früh aussteigt, und sagt das offen. Kennst du deine typische Schwäche beim Verkaufen?
- Sie führt ein eigenes Dividendenportfolio, obwohl sie weiß, dass Dividenden steuerlich ineffizient sind. Weißt du, welchen Zweck jeder Teil deines Depots für dich erfüllt?
Buchtipps von Larissa Kravitz
Buchtipps aller Gäste →Larissa Kravitz stammt aus einer börsenaffinen Familie und kaufte mit 14 Jahren ihre ersten Aktien, mitten im Dotcom-Boom, gefolgt vom Crash.
Aus den Kommentaren
Mehr Erfahrungen →Heute mal mehr Mensch und investieren. Larissa ist sehr sympathisch … Gut haben mir die Geschichten aus der Kindheit/Jungend gefallen, insbesondere das „Bankgeheimnis“. … Gut nachgefragt wie immer. 👍
Aus der Folge
Goldmans Conviction Buy List, Larissa Kravitz’ Ideenquelle: öffentlich nachvollziehbar im wikifolio von Oliver Bruns.
Zum wikifolio* Bestenliste wikifolio ansehen*Begriffe aus dieser Folge
Profis antworten
Lies, was Larissa Kravitz dazu sagt, neben den Antworten der anderen Profis:
- Was würdest du heute anders machen, wenn du neu anfangen würdest?Larissa Kravitz: Lernen statt zocken
- Wie gehst du mit Gier und FOMO um?Larissa Kravitz: FOMO hält sie für eine der größten Gefahren
- Wann gibst du eine Idee auf?Larissa Kravitz: 15 bis 20 Prozent hinter der Benchmark, dann raus
- Welche Kennzahlen schaust du dir an?Larissa Kravitz: F-Score mit neun Punkten vor jedem Einzelkauf
- Welche Rendite ist realistisch?Larissa Kravitz: Zweistellig, mit 15 Prozent pro Jahr im Schnitt zufrieden
- Hast du deinen Stil einmal gewechselt?Larissa Kravitz: Von der Zockerei der 20er zum stabilen Portfolio
- Wie prüfst du eine Strategie, bevor du sie handelst?Larissa Kravitz: Testet jede Strategie an den frühen 2000ern
- Was war dein teuerster Fehler?Larissa Kravitz: Zweimal einem Tipp gefolgt, bis zu 70 Prozent Verlust









