Daytrading seit 44 Jahren: Oliver Klemms Regeln
44 Jahre Börse, über 1,5 Millionen Trades: Trading Coach Oliver Klemm erklärt, warum er Preis und Volumen statt Bilanzen liest und wieso seine wichtigste Regel simpel ist: der Struktur folgen, nie dagegenhalten.
Oliver Klemm, bekannt als Trading Coach Oli, handelt seit 1982 an der Börse: erst bei der Deutschen Bank, dann mit eigener Wertpapierhandelsbank, heute als Coach für rund 600 aktive Kursteilnehmer. Seine Methode ist unspektakulär und gerade deshalb wirksam: kein Bauchgefühl, keine Bilanzanalyse, nur das Lesen von Preis und Volumen im Chart. Was ihn nach 44 Jahren und über 1,5 Millionen Trades noch antreibt und warum er nie gegen die Marktstruktur hält, erzählt er in dieser Folge.
Die wichtigsten Erkenntnisse
- Kein Fundamentalanalyst: „Ich habe immer nach Charts gehandelt“. Preise bewegen sich für ihn ausschließlich aufgrund von Angebot und Nachfrage, nicht aufgrund von Bilanzen oder Nachrichten.
- Market Profile statt Indikatoren: Seit 27 Jahren arbeitet er mit Market- und Volume-Profile: Unterstützung, Widerstand, VWAP und Value Area statt nachlaufender Indikatoren: „Ich benutze zum Beispiel keinerlei Indikatoren mehr, weil das Nachlaufen des Zeugs ist.“
- „Außenstäbe“ als Kernsignal: Schließt eine Kerze über dem Hoch bzw. unter dem Tief der vorherigen, ist das für ihn eines der wichtigsten Muster im Chart.
- Diszipliniertes Risikomanagement: Maximal 30 Punkte Stopp im DAX-Future, maximal 30.000 Euro Tagesverlust. Die Regel führte er erst nach einem 368.000-Euro-Verlusttag ein.
- 44 Jahre, 1,5 Millionen Trades: Von der Deutschen Bank 1982 über die eigene Handelsbank bis zum heutigen Coaching, konstant im Markt, konstant nach demselben Prinzip.
- Struktur vor Meinung: „Das ist das Schwierigste, weil wir wollen ja immer wissen, ich glaube, das ist oben“. Seine wichtigste Lektion war, nicht gegen die erkannte Marktstruktur zu halten.
- Vom Verlust zurück: Ein eigener Kursteilnehmer verlor 400.000 Euro und erarbeitete sie über 3,5 Jahre diszipliniert zurück. Das zeigt Oliver Klemms Verständnis von Risikomanagement als Überlebensfrage.
Wie Oliver Klemm sein Trading-System entwickelt hat
Seinen eigenen Stil entwickelte Oliver Klemm über Jahrzehnte im Selbststudium: Point-&-Figure-Charts mit Bleistift auf Millimeterpapier, 5.000 DM im Monat für End-of-Day-Daten, Fahrten nach Darmstadt zu Charttechnik-Seminaren. Er testete die Systeme der Turtles, Larry Williams, Tom DeMarck und Jake Bernstein, bevor er seine eigene, reduzierte Methodik aus Preis- und Volumenstruktur destillierte. Für trägere Kollegen zeichnete er Point-&-Figure-Charts für über 100 US-Aktien und wurde so zum „Lexikon“ seiner Abteilung. Als seine eigene Handelsbank 2000/2001 zunehmend gegen Bank-Algorithmen anlief, erlebte er hautnah den Strukturwandel des Marktes: „Olli, du bist ein Sterben, du bist ein Dinosaurier“, sagten ihm Banken offen ins Gesicht. Sein größter früherer Fehler: eine Bewegung mitnehmen und dann anfangen, dagegenzuhalten. Diese Lektion ist heute sein zentrales Prinzip.
So funktioniert Oliver Klemms Struktur-Strategie
Märkte/Assets: Fast ausschließlich der FDAX-Future, gelegentlich Nasdaq, S&P und Rohstoff-Futures. Früher über 20 Jahre reines Aktien-Trading.
Zeitrahmen: Analyse im 15-Minuten-Chart, gehandelt wird im 1- und 3-Minuten-Chart. Typische Trade-Dauer 7-15 Minuten, 3x pro Woche je 4 Stunden aktiv am Markt.
Methodik: Kombination aus Market Profile und Volume Profile: Unterstützung, Widerstand, VWAP, Value Area High/Low, Preisstruktur (höhere Hochs/Tiefs) und „Außenstäbe“ als Signal, keine nachlaufenden Indikatoren.
Entscheidungslogik: Levels vor Handelsbeginn festlegen, dann jede Kerze auf Preisfortschritt und Ungleichgewicht prüfen. Die ersten Minuten nach Handelsstart zeigen ihm das institutionelle Interesse.
Risiko: Maximal 30 Punkte Stopp pro Trade im DAX, maximal 30.000 Euro Verlust pro Tag. Diese Grenze führte er nach einem einzigen 368.000-Euro-Verlusttag ein.
Oliver Klemm als Mensch zwischen Fleiß, Rückschlägen und Dankbarkeit
Hinter der nüchternen Systematik steht eine Biografie mit tiefen Einschnitten: eine Scheidung, in der er drei Jahre lang seine Kinder nicht sehen durfte, ein Firmenverkauf, bei dem sein 40-Millionen-Euro-Anteil auf 200.000 Euro schrumpfte, ein Schlaganfall in Zypern, nach dem er anfangs nicht selbst laufen konnte. Später lief er einen Marathon. Emotional bleibt ihm vor allem der 368.000-Euro-Verlusttag in Erinnerung, an dem er gegen den Markt hielt, statt der Struktur zu folgen. Trotz der Rückschläge bleibt sein Grundton positiv: tägliche Dankbarkeitsrituale, ein Wandel vom „brutalen Atheisten“ nach dem frühen Tod seines Vaters hin zu Spiritualität und Workshops bei Joe Dispenza prägen sein Leben heute genauso wie der Markt.
„Geld ist eine Lupe. Wenn du ein schlechter Mensch bist und du hast besonders viel Geld, dann bist du ein besonders schlechter Mensch.“
Seine Kursteilnehmer beschreibt er als Gemeinschaft, nicht als Kundschaft: „Wir sind ja wie eine Familie.“ Sein Leitsatz ist denkbar einfach: der Struktur folgen und, wenn man ihr nicht folgt, niemals dagegenhalten.
Was das für dich heißt
Oliver Klemm handelt seit 44 Jahren nach demselben Prinzip. Spannender als seine Methode ist sein Verhalten:
- Er legt seine Marken fest, bevor der Handel beginnt. Suchst du deine Einstiege vorher, oder erst, wenn sich der Kurs schon bewegt?
- Er hat eine Grenze pro Trade und eine pro Tag: höchstens 30 Punkte Stopp, höchstens 30.000 Euro Tagesverlust. Weißt du, ab welchem Verlust dein Handelstag vorbei ist?
- Er hält nicht gegen die Marktstruktur, auch wenn er eine Meinung hat. Wann hast du zuletzt eine Position gehalten, weil du recht haben wolltest?
- Er handelt nur an drei Vormittagen pro Woche. Handelst du, weil ein Setup da ist, oder weil du gerade Zeit hast?
Buchtipps von Oliver Klemm
Buchtipps aller Gäste →Oliver Klemm wuchs mit dem Wirtschaftsteil der FAZ am Frühstückstisch auf. Sein Vater, Staatsanwalt, richtete ihm mit zehn Jahren einen Dauerauftrag in eine sechsprozentige Anleihe ein. Zu langweilig, fand Oliver, er wollte Aktien.
Aus den Kommentaren
Mehr Erfahrungen →Danke für das tolle Gespräch! Wir hätten locker noch ein paar Stunden weitermachen können. Allen viel Erfolg an den Märkten 👍
Interessantes und lehrreiches Gespräch, dass tiefe Einblicke gewährt, wie die Börse wirklich funktioniert.
Wow! Fing an als Trading Philosophie und entpuppte sich als Lebensphilosophie! Noch nie zuvor von Olli gehört. …
Begriffe aus dieser Folge
Profis antworten
Lies, was Oliver Klemm dazu sagt, neben den Antworten der anderen Profis:
- Wie sieht dein Tagesablauf aus?Oliver Klemm: Dreimal die Woche, 8 bis 12
- Chart oder Fundamentaldaten?Oliver Klemm: Jede Information und Meinung steckt im Preis
- Wann verkaufst du mit Gewinn?Oliver Klemm: Ziel steht zu zwei Dritteln fest, der Rest läuft weiter
- Welche Rolle spielen Nachrichten und Makro?Oliver Klemm: Squawk-Box live, um vor dem Markt zu reagieren
- Wie viel riskierst du pro Trade?Oliver Klemm: Höchstens 30 DAX-Punkte, meist raus nach 8 bis 15
- Mit wie viel Geld fängt man an?Oliver Klemm: 10 Mark im Monat vom Vater, angespart für eine Anleihe
- Wie hast du deinen Stil gefunden?Oliver Klemm: Alles ausprobiert, dabei gefunden, was funktioniert
- Was war dein teuerster Fehler?Oliver Klemm: 368.000 Euro an einem Tag, seitdem Tageslimit 30.000 Euro
- Was machst du nach einer Verlustserie?Oliver Klemm: Immer dieselbe Entscheidung nach den eigenen Regeln
- Wann steigst du ein?Oliver Klemm: Spätestens beim Ausbruch aus der Value Area dabei
- Wie viel Zeit kostet dich dein Ansatz?Oliver Klemm: Dreimal pro Woche von 8 bis 12 Uhr, danach ist Schluss








