Dr. Hendrik Leber: Buffett-Stil mit KI weiterentwickelt
Der ACATIS-Gründer investiert seit 30 Jahren nach Buffett und lässt seit 2016 eine eigene KI mitentscheiden, welche Aktien ins Portfolio kommen.
Hendrik Leber gilt als „Buffett Deutschlands“. Seit 30 Jahren investiert er nach den Prinzipien seines großen Vorbilds. Doch während viele Value-Investoren der künstlichen Intelligenz misstrauen, hat der ACATIS-Gründer schon 2016 einen der ersten KI-gesteuerten Fonds weltweit aufgelegt. Im Gespräch erklärt er, warum er die aktuelle KI-Blasen-Debatte für falsch hält, wie seine hauseigene KI aus Hunderten Aktien ein Portfolio zusammenstellt und warum er trotzdem nicht auf Fondsmanager verzichten will.
Hendrik Leber ist Gründer und Geschäftsführer der Fondsgesellschaft ACATIS und investiert seit drei Jahrzehnten nach den Prinzipien von Warren Buffett. 2016 brachte er nach eigener Aussage einen der ersten KI-gesteuerten Fonds weltweit auf den Markt und wurde 2017 zum Fondsmanager des Jahres gewählt.
Die wichtigsten Erkenntnisse
- Growth ist Teil von Value, nicht sein Gegenteil. Auf die Frage, was der eigentliche Gegensatz von Value sei, widerspricht Hendrik Leber der verbreiteten Meinung „Growth“: „Denn Growth ist Teil der Value-Gleichung.“ Buffett habe Value und Growth einmal als siamesische Zwillinge beschrieben, die an der Hüfte zusammengewachsen seien. Der wahre Gegenpol sei stattdessen Momentum, also das reine Hinterherlaufen der Herde.
- Sein eigenes Bewertungsmodell entstand mit einem New Yorker Professor. Gemeinsam mit Professor Steven Penman hat Hendrik Leber ein Modell entwickelt, das von der Bilanz ausgeht: „Das Einzige, was ich von der Firma erstmal sicher weiß, ist die Bilanz.“ Daraus berechnet ACATIS für praktisch jede weltweit gelistete Firma eine erwartete Rendite.
- Bei den heutigen KI-Aktien ist er skeptisch, weil die Rechnung nicht aufgeht. „Umsatz zählt nicht, für mich zählt der Gewinn und auch übrigens nicht der Cashflow.“ Sein zentraler Kritikpunkt: Die Abschreibungen der großen KI-Firmen seien zuletzt stärker gestiegen als der Umsatz. Das Geschäft sei von „Asset light“ zu „Asset heavy“ geworden.
- Er sieht sich selbst nicht als verspäteten Einsteiger. Auf den Vorwurf, er könnte wie Buffett bei Google oder Apple den KI-Zug verpassen, verweist Hendrik Leber auf frühe Käufe bei Nvidia und Palantir. Sein Fonds sei mit rund 30 Prozent in KI-nahen Titeln investiert, allerdings bei weniger prominenten Zulieferern statt in den bekannten großen Namen.
- ETFs vergleicht er mit einer Wurst. „Und ich sage nur in so einem ETF, das ist wie bei einer Wurst, da ist alles drin. Da ist kein Qualitätsmerkmal drin. Da sind die guten und die schlechten Firmen drin.“ Deshalb setzt ACATIS inzwischen selbst auf einen aktiv gemanagten ETF, der Börsenhandelbarkeit mit aktiver Titelauswahl kombiniert.
- Backtests hält er für Selbstbetrug. „Also darum glaube ich, ich traue Backtests überhaupt nicht.“ Weil das Modell aus der eigenen Vergangenheit lernt, sehe ein Rückblick zwangsläufig gut aus.
Wie Hendrik Leber seine eigene Bewertungsmethodik und den Weg zu ACATIS entwickelt hat
Hendrik Lebers Modell trennt bei der Unternehmensbewertung zunächst das operative Geschäft vom Finanzgeschäft, etwa bei Autoherstellern, wo ein großer Teil der Bilanz aus der hauseigenen Finanzierungssparte besteht. Anschließend wird der Umsatz für zehn Jahre in die Zukunft projiziert, der nötige Kapitaleinsatz je Umsatz-Euro berücksichtigt und ein hypothetischer Steuersatz abgezogen. Am Ende steht die Frage, welcher Abzinsungssatz nötig wäre, damit die berechneten Zahlungsströme dem heutigen Börsenkurs entsprechen.
Für die Einschätzung künftigen Wachstums orientiert sich Hendrik Leber unter anderem am Bruttosozialprodukt der jeweiligen Region als Vergleichsgröße. Bei neuen, schnell wachsenden Branchen fragt er, wie viele dominante Anbieter ein Markt langfristig verträgt. Ein Beispiel dafür ist Uber, wo er seit 2019 das Nutzerwachstum verfolgt und noch keine Sättigungsgrenze erkennt.
Auch seine Researchmethoden hat er über die Jahre systematisiert: Broker-Konferenzen, das Analyseportal Alpha Sense, Fachgespräche mit Wissenschaftlern und ein internes Team, das sich thematisch auf Biotech, KI und Infrastruktur aufteilt. Bei der Länderallokation orientiert sich ACATIS grob an den MSCI-Weltgewichtungen, korrigiert aber bewusst, etwa mit einem stärkeren Europa-Anteil statt der marktüblichen Übergewichtung der USA.
So funktioniert Hendrik Lebers Value-2.0-Strategie mit künstlicher Intelligenz
Seit 2014 experimentiert ACATIS mit künstlicher Intelligenz, seit 2016 läuft der erste KI-gesteuerte Fonds. Inzwischen ist das Unternehmen nach Hendrik Lebers Zählung bei „Modell 47“ angekommen. Das Prinzip: Aus 300 bis 400 Aktien, die von den hauseigenen Portfolio-Managern für interessant befunden wurden, wählt eine KI mit einem evolutionären Optimierungsalgorithmus die besten Kombinationen aus, über hunderte Simulationsrunden hinweg, bei denen jeweils die schwächere Hälfte der Test-Portfolios aussortiert wird.
Von klassischen Backtests hält Hendrik Leber dabei nichts: Das Modell lerne aus der eigenen Vergangenheit und müsse im Rückblick deshalb zwangsläufig gut aussehen. Stattdessen prüft sein Team die Ergebnisverteilungen der KI-Vorschläge und lässt kleine Test-Portfolios parallel mitlaufen.
Trotz weitreichender KI-Automatisierung sieht Hendrik Leber weiterhin eine Rolle für den Menschen, vor allem bei komplexeren, wenig bekannten Themen und beim sogenannten „Wow-Effekt“: ein einzelner, unscheinbarer Satz in einem Geschäftsbericht, der die ganze Wahrnehmung einer Firma verändert. Gemessen wird der Erfolg der Fonds anhand mehrerer Kennziffern, darunter Trefferquote und Performance-Ratio.
Hendrik Leber als Fondsmanager und Vertriebspionier mit Neugier, Ausdauer und Vertrauen
Dass Hendrik Leber heute Milliarden verwaltet, lag nach eigener Aussage vor allem am Vertrieb, weniger an der Performance: „Es ist Vertrieb.“ In den Anfangsjahren von ACATIS 1994 schaltete er gezielt textlastige Anzeigen über Warren Buffett, statt mit bunten Schlagworten zu werben. Diese Strategie hat sich bis heute bewährt.
Rückschläge begleiten ihn seit 30 Jahren immer wieder: der 11. September, die Finanzkrise, die Griechenland-Rettung, Corona. Genau diese Erfahrung, sagt er, mache ihn heute gelassener, in schlechten wie in besonders guten Phasen.
Privat investierte Hendrik Leber gemeinsam mit seiner Frau bereits 2016 in Bitcoin, nach einem Hinweis aus einem der hauseigenen Value-Seminare und einem gemeinsamen Universitätskurs über Blockchain-Technologie: Der Einstiegskurs lag nach seiner Erinnerung bei etwa 600 Euro. Auf die Frage, welchen einen Satz er sich für immer über den Bildschirm kleben würde, verweist er auf die Broschüre seines Unternehmens:
„Price is what you pay, value is what you get.“
Was das für dich heißt
Dr. Hendrik Leber verwaltet mit ACATIS Milliarden und arbeitet seit Jahren mit KI. Trotzdem prüft er vieles noch selbst:
- Er traut Backtests nicht und lässt stattdessen kleine Portfolios zur Beobachtung mitlaufen. Vertraust du deiner Strategie wegen eines schönen Rückblicks oder weil du sie unter echten Bedingungen beobachtet hast?
- Er beginnt jede Bewertung bei der Bilanz, weil sie das Einzige ist, was er sicher weiß. Womit beginnt deine Analyse: mit Fakten oder mit einer Geschichte?
- Er siebt hart aus: Von 26 Aktien, die er im Zug durchgeblättert hat, bleiben gut zehn für die genaue Prüfung. Wie viele Ideen verwirfst du, bevor du eine kaufst?
Weiter in der Reihe Institutionelle Einblicke: Folge 9 →
Buchtipps von Dr. Hendrik Leber
Buchtipps aller Gäste →Leber kam schon als Kind zur Börse: Als Zehnjähriger kaufte er von seinem Taschengeld seine erste Aktie und ging danach regelmäßig zur Bank, um am Kursaushang nachzuschauen, ob sie gestiegen oder gefallen war.
Aus den Kommentaren
Mehr Erfahrungen →… Gute Fragen auch vom Interviewer. Habe den Kanal erst durch dieses Video entdeckt und lasse mal ein Abo da.
Ich finde die Einschätzung von Herrn Leber zur KI sehr interessant. Vielen Dank
Sehr interessantes und anspruchsvolles Video. Hr. Leber hat tiefes Fachwissen und möchte die Firmen die er kauft, ziemlich tief verstehen. Auch sein Interesse an Geschäftsmodellen und neuer Technologie ist bemerkenswert. … Dieses Mal ging es nicht um einzelne Unternehmen bzw. Aktien, sondern um den Mensch und die größten Fehlschläge, um von der langen Erfahrung zu profitieren. Sehr gutes Interview, gute Fragen. Weiter so.
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