So handeln Profis wirklich.
Folge 27 · Stefan Meißner

Er erzielt knapp 30% pro Jahr - ganz ohne Chart-Technik

Stefan Meißner dreht die klassische Bewertungsformel der Börse um – und fährt mit seinem wikifolio Focused Yield Investing rund 30 Prozent pro Jahr ein.

117 Prozent seit Sommer 2023, rund 30 Prozent pro Jahr: Stefan Meißner erreicht das mit einem Ansatz, den er sich selbst gebaut hat und der ohne einen einzigen Chart auskommt. Er berechnet nicht, was ein Unternehmen wert ist, sondern welche Rendite der aktuelle Kurs ihm liefert. Und er hält an dem, was er kauft, so fest, als gäbe es keinen Ausstieg mehr.

Genau danach handelt Stefan Meißner auch, wenn die Kurse fallen: Im Trump-Zollcrash und im Corona-Crash hat er nicht verkauft, sondern nachgelegt.

Stefan Meißner ist Hobby-Investor, Buchautor und Kopf hinter dem wikifolio Focused Yield Investing, das zeitweise auf Platz 1 des gesamten wikifolio-Rankings stand. Besonders macht ihn, dass er die Bewertungsfrage der Börse umdreht: Statt einen inneren Wert zu schätzen, rechnet er direkt die innere Rendite zum aktuellen Kurs aus.

„Kaufe ich so, als könnte ich es nicht mehr verkaufen."
– Stefan Meißner

🤖 Frag [Bulle & Mensch]

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Die wichtigsten Erkenntnisse

  • Innere Rendite statt innerer Wert: Statt einen Diskontierungssatz zu schätzen und daraus einen Unternehmenswert zu berechnen, nimmt Stefan Meißner den aktuellen Kurs als gegeben und löst die Bewertungsformel nach der Rendite auf. So entfällt die Notwendigkeit, den in seinen Augen kaum belastbaren „richtigen" Diskontierungsfaktor zu bestimmen.
  • Rückflüsse zählen, nicht der ausgewiesene Gewinn: Entscheidend ist für ihn, was wirklich beim Aktionär ankommt – die Kombination aus Dividenden und Aktienrückkäufen. Ein Unternehmen, das einen Teil seines Gewinns ausschüttet, ist für ihn attraktiver als eines, das bei gleichem Wachstum alles einbehält.
  • Cash hat für ihn keinen Wert: „Cash hat eine innere Rendite von Null und das Nominal, also das Inflationsrisiko, ist da auch noch voll mit drin", sagt Stefan Meißner – deshalb ist er nach eigener Aussage praktisch immer voll investiert.
  • Kein Market Timing, aber schnelleres Handeln in Extremphasen: Normalerweise gleicht er sein Portfolio monatlich mit aktuellen Fundamentaldaten ab. Bei Extremereignissen wie dem Corona-Crash oder dem Trump-Zollcrash erhöht er die Taktung und justiert Risikokennzahlen einzelner Unternehmen, statt pauschal zu verkaufen.
  • Diversifikation über Branchen und Kontinente: Stefan Meißner investiert bewusst global und bevorzugt bei ähnlich attraktiver Bewertung das Investment aus der Region oder Branche, die er noch nicht im Portfolio hat.
  • Sein größter Fehler: Chinesische Small Caps im Jahr 2011, deren Zahlen sich im Nachhinein als nicht belastbar erwiesen – ein Erlebnis, das ihn dazu brachte, Kennzahlen seither kritischer zu hinterfragen.

Was das für dich heißt

Stefan Meißner ist praktisch immer voll investiert. Ruhig bleibt er, weil er feste Abläufe hat:

  • Er versieht jede ausführliche Bewertung mit einem Datum und prüft neu, wenn sich die Schätzungen seitdem deutlich verändert haben. Weißt du noch, wann du die Gründe für deine größte Position zuletzt überprüft hast?
  • Er verkauft meist nicht wegen eines Kursziels, sondern weil er etwas Attraktiveres gefunden hat. Warum hast du deine letzte Aktie verkauft?
  • Er verkauft im Crash nicht pauschal, sondern passt die Risikokennzahlen einzelner Unternehmen an. Weißt du heute schon, was du beim nächsten Einbruch tun wirst?
  • Er hat vor seinem großen Einstieg im Corona-Crash erst mit seiner Frau gesprochen. Mit wem besprichst du große Geldentscheidungen, bevor du sie triffst?

🎙️ Profis antworten

Diese Frage stellt Mario vielen Gästen. Lies die Antwort von Stefan Meißner neben denen der anderen Profis:

Wie Stefan Meißner sein Yield-Investing-System entwickelt hat

Der Ursprung von Yield Investing liegt für Stefan Meißner in einem sehr konkreten Praxisproblem: der brasilianischen Ölaktie Petrobras. Die Aktie kostete zeitweise nur rund vier bis sechs Euro und versprach eine Dividendenrendite von rund 20 Prozent – nach seiner klassischen Bewertungsmethode mit Abschlag auf den inneren Wert wirkte sie zwar günstig, reagierte aber extrem sensitiv auf kleinste Kursbewegungen. Das brachte ihn auf die Idee, die Betrachtung umzudrehen: nicht mehr den Wert zu berechnen, sondern direkt zu fragen, welche Rendite sich zum aktuellen Kurs ergibt.

Rund ein Jahr entwickelte Stefan Meißner das Modell weiter, bis er 2023 mit dem wikifolio Focused Yield Investing in die Testphase ging. Erst ab etwa 2024 stand das Modell nach seiner Einschätzung weitgehend in der Form, wie er es heute anwendet. Dabei betont er, dass ihm vor allem in den 2010er-Jahren zwischenzeitlich Zweifel kamen, ob sein Ansatz überhaupt einen Mehrwert gegenüber einem breiten ETF bringt – die Zahlen der vergangenen drei Jahre bestätigten für ihn jedoch, dass die Theorie in der Praxis funktioniert.

So funktioniert Stefan Meißners Yield-Investing-Strategie

Stefan Meißner arbeitet mit einer Datenbank von rund 500 Unternehmen, die er sich im Lauf der Zeit bewusst angeschaut hat. Aus dieser Basis wird monatlich eine engere Auswahlliste von etwa 50 bis 100 Titeln nach ihrer inneren Rendite sortiert – mithilfe eines selbst gebauten Excel-Tools mit VBA-Programmierung, das automatisch Analystenschätzungen und Kurse importiert. Verändern sich die Schätzungen deutlich gegenüber dem letzten ausführlichen Check, prüft Stefan Meißner das Unternehmen erneut im Detail.

Bei der Portfoliozusammensetzung gewichtet er seine attraktivsten Positionen entsprechend ihrem Risiko – ein stabiles Unternehmen wie Coca-Cola darf einen größeren Anteil haben als ein kleineres, riskanteres Fintech mit ähnlich hoher erwarteter Rendite. Verkauft wird meist nicht, weil ein Kursziel erreicht ist, sondern weil eine andere Position im Vergleich attraktiver geworden ist. Ergänzend legt Stefan Meißner Wert auf eine qualitative Diversifikation über Branchen und Kontinente, weil sich seiner Erfahrung nach irrationale Bewertungen eher bei kleineren und mittelgroßen Unternehmen sowie in Schwellenländern finden als im vergleichsweise effizienten S&P 500. In Marktphasen wie dem Trump-Zollcrash 2025 justiert er vor allem die Risikokennzahlen einzelner, potenziell stärker betroffener Unternehmen, statt pauschal zu verkaufen – und nutzt überzogene Kursreaktionen gezielt zum Nachkauf.

Stefan Meißner als Investor: Demut, Systematik und Ruhe im Crash

Stefan Meißner beschreibt sich selbst als bewusst unaufgeregt in Krisenphasen. Beim Corona-Crash 2020 hatte er zuvor einen günstigen Kredit aufgenommen, um eigentlich ein Grundstück zu kaufen – als der DAX unter 10.000 Punkte fiel, entschied er sich nach Rücksprache mit seiner Frau, das Geld stattdessen stückweise in den Markt zu investieren. Beim Zollcrash 2025 erlebte er nach eigener Schilderung die größten kurzfristigen Mittelabflüsse aus seinem wikifolio überhaupt, während er selbst an seinem System festhielt.

„Das hat mir gezeigt, dass doch viele, die schnell kommen, auch schnell panisch werden."

Rückblickend sagt Stefan Meißner, er hätte sich früher mehr Demut gegenüber der eigenen Fähigkeit gewünscht, den Markt zu schlagen – und genauer hinzuschauen, wie sich Investorenvorbilder wie Warren Buffett über die Jahrzehnte tatsächlich weiterentwickelt haben, statt nur ihre frühen, einfacheren Methoden zu kopieren. Als Merksatz fürs aktive Investieren gibt er mit, gierig zu sein, wenn der Markt panisch ist, und vorsichtig, wenn der Markt gierig ist.

Stefan Meißner

Wer ist Stefan Meißner?

Yield-Investor

Stefan Meißner investiert seit 2009. Den Einstieg gab ein BWL-Professor, der im Februar jenes Jahres empfahl, jetzt einzusteigen – kurz darauf kaufte Stefan Meißner für rund 1.000 Euro Deutsche-Bank- und Porsche-Aktien und las parallel sein erstes Buch über Warren Buffett.