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Was ist ein gleitender Durchschnitt?

Gleitender Durchschnitt: Definition, Beispiele und wie Profis aus dem Podcast damit umgehen.

Kurz erklärt

Der gleitende Durchschnitt ist ein Trendindikator, der den durchschnittlichen Schlusskurs über eine feste Zahl zurückliegender Handelstage berechnet und mit jedem neuen Tag weiterrückt. Die bekannteste Variante ist die 200-Tage-Linie. Liegt der Kurs darüber und steigt die Linie, gilt der Trend als intakt; ein Bruch nach unten wird oft als Warnsignal gelesen.

Gleitender Durchschnitt: Definition und Erklärung

Ein gleitender Durchschnitt glättet den Kursverlauf, indem er für jeden Tag den Mittelwert der letzten n Schlusskurse bildet. Im Englischen heißt er Moving Average. Weil jeden Tag der älteste Kurs herausfällt und der neueste hinzukommt, „gleitet“ die Linie mit dem Chart mit. Sie zeigt so die Richtung des Trends, ohne dass einzelne Ausschläge das Bild verzerren.

Am bekanntesten ist die 200-Tage-Linie (auch GD 200), die ungefähr ein Börsenjahr abbildet. Daneben sind kürzere Linien wie 10, 20 oder 50 Tage verbreitet. Man unterscheidet den einfachen Durchschnitt (Simple Moving Average, SMA), bei dem alle Kurse gleich zählen, und den exponentiellen (Exponential Moving Average, EMA), der jüngere Kurse stärker gewichtet und dadurch schneller reagiert.

Ein gleitender Durchschnitt ist ein nachlaufender Indikator (lagging indicator): Er bestätigt einen Trend, sagt ihn aber nicht voraus. Genau darin liegen Stärke und Schwäche zugleich. In langen Abwärtsphasen kann er helfen, große Verluste zu vermeiden, in Seitwärtsmärkten erzeugt er dagegen häufig Fehlsignale.

Gleitenden Durchschnitt berechnen: so funktioniert es

Der einfache gleitende Durchschnitt ist die Summe der letzten n Schlusskurse geteilt durch n. Am nächsten Handelstag fällt der älteste Kurs heraus, der neue kommt hinzu, und der Durchschnitt wird neu berechnet. Das Beispiel zeigt eine 5-Tage-Linie:

Schlusskurse Tag 1 bis 5100 €, 102 €, 101 €, 104 €, 108 €
Summe515 €
Gleitender Durchschnitt Tag 5515 € : 5 = 103 €
Neuer Schlusskurs Tag 6110 € (Tag 1 fällt heraus)
Neue Summe525 €
Gleitender Durchschnitt Tag 6105 €

Die 200-Tage-Linie funktioniert genauso, nur mit 200 Kursen. Aus der Linie lassen sich typische Signale ableiten:

Gleitender Durchschnitt in der Praxis

In der Praxis dient der gleitende Durchschnitt vor allem als Trendfilter. Viele Anleger kaufen einen Index oder eine Aktie nur, solange der Kurs über der 200-Tage-Linie liegt, und reduzieren oder verkaufen, wenn er darunter fällt. Trader nutzen kürzere Linien wie den EMA 10 und EMA 20 im Tageschart, um Einstiege in Rücksetzern zu finden oder zu erkennen, wann der Gesamtmarkt gegen sie läuft.

Die Grenzen sind bekannt: Die Linie reagiert immer mit Verzögerung, und im Seitwärtsmarkt wird sie oft mehrmals gekreuzt. Wer Parameter wie 48 oder 50 Tage im Backtest zu genau optimiert, läuft Gefahr, nur die Vergangenheit abzubilden. Häufige Einsatzformen sind:

Gleitender Durchschnitt bei [Bulle & Mensch]

Für mehrere Gäste ist die 200-Tage-Linie eine feste Regel. Bernhard Mitterlehner steigt aus, spätestens wenn der Kurs unter die 200-Tage-Linie fällt, und nimmt Fehlsignale bewusst in Kauf, um im großen Absturz nicht dabei zu sein. David Pieper erklärt die Linie als Durchschnittskurs des letzten Jahres und empfiehlt, sie als erste Strategie selbst zu backtesten. Nico Schulze hat daraus einen Notmodus gebaut: Unter der 200-Tage-Linie hält sein Wikifolio 30 Prozent Cash. Auch Paul Pleus, Christian Jagd und Michael Kranich nutzen gleitende Durchschnitte als Trendmesser, Dirk Siebenhaar achtet auf den EMA 10 und EMA 20 im Tageschart, und Dr. Carmen Mayer schaut, wie weit sich ein Markt von seinen Durchschnitten entfernt hat.

Es gibt auch Gegenstimmen. Gregor Labahn gibt zu bedenken, dass viele institutionelle Händler gar nicht auf Charts schauen und ein vermeintlich heiliger Durchschnitt ihnen egal ist. Michael Pisnyachevskiy warnt vor Overfitting: Ob 48 oder 50 Tage, ein robustes System muss mit verschiedenen Perioden funktionieren. Er hält Moving Averages zudem für oberflächlich, solange man nicht versteht, warum eine Strategie Geld verdienen sollte.

💬 Was unsere Gäste über Gleitender Durchschnitt sagen

Wörtliche Aussagen aus den Originalgesprächen von [Bulle & Mensch]. Sie geben die Sicht der jeweiligen Gesprächspartner wieder, nur Füllwörter wurden entfernt. Die Sprungmarke führt an die Stelle im Video.

Unterschiedliche Perspektiven

GastAnsatz
Christian Jagd200-Tage-Linie als frühes Warnsignal
Dr. Carmen MayerAbstand zum Durchschnitt zeigt Überdehnung
Dirk SiebenhaarEMA 10 und EMA 20 als Marktfilter
Gregor LabahnSkepsis: Institutionelle kennen die Linie nicht
Paul PleusLinie als Baustein im Investitionsgrad-Modell
David Pieper200-Tage-Linie als einfache Trenddefinition
Nico SchulzeNotmodus mit Cash-Anteil unter der Linie
Bernhard MitterlehnerUnter der 200-Tage-Linie konsequent raus
Michael PisnyachevskiyPeriode egal, sonst droht Overfitting

Die Aussagen im Wortlaut

200-Tage-Linie als frühes Warnsignal

„Ja, sicher so eine 200-Tage-Linie, die hat man dann relativ früh dann auch entdeckt.“
Christian Jagd Folge 22: Ex-Xetra-Händler verrät: So handeln Profi-Trader wirklich ▶ 35:44 auf YouTube

Abstand zum Durchschnitt zeigt Überdehnung

„Einfach ohne News in die technische Analyse, rein in den Chart. Was ist los? Was macht der Markt wirklich? Wie weit weg sind wir von den gleitenden Durchschnitten? […] Der ist so weit weg von den Durchschnitten gelaufen, ist ja klar, dass der zurückkommt.“
Dr. Carmen Mayer Folge 19: Mami ist Millionärin: Das System hinter dem 3 Millionen-Depot ▶ 1:36:24 auf YouTube

EMA 10 und EMA 20 als Marktfilter

„You never can outsmart EMA 10 and EMA 20, das sagen die Amerikaner. Also du kannst nie schlauer sein als der EMA 10 und 20 im Tageschart. Kristjan Kullamägi hört auf zu handeln, wenn der EMA 10 den EMA 20 im Tageschart im Nasdaq unterschreitet.“
Dirk Siebenhaar Folge 15: Öffentlich traden als Disziplin-Trick: Wie Dirk Siebenhaar mit engen Stopps den MSCI World schlägt ▶ 1:47:45 auf YouTube

Skepsis: Institutionelle kennen die Linie nicht

„Aber viele institutionelle Trader gucken gar nicht auf Charts. Das bedeutet, wenn ich doch jetzt irgendeinen holy gleitenden Durchschnitt als „der hält immer im Trend“ wahrnehme, dann ist das dem institutionellen Händler scheißegal, weil er den nicht kennt.“
Gregor Labahn Folge 13: Ich trade nur, wenn nichts von mir es will: Gregor Labahn über die 90-Prozent-Mindset-Regel im Trading (Ex-UBS, Ex-Berenberg) ▶ 1:06:52 auf YouTube

Linie als Baustein im Investitionsgrad-Modell

„[…] wo mein Modell mir liefert, wie ich überhaupt investiert sein soll. Ich gebe da wöchentlich am Wochenende so ein paar Daten ein, sagen wir mal 200-Tage-Linie, aber ich möchte auch nicht alles sagen, was da einfließt.“
Paul Pleus Folge 12: +79,7% Rendite bei minimaler Vola: Das 40-Jahre-Börsensystem von Ex-Citibank-Direktor Paul Pleus ▶ 1:08:33 auf YouTube

200-Tage-Linie als einfache Trenddefinition

„Die 200-Tage-Linie sagt mir, wie ist der durchschnittliche Kurs des letzten Jahres im Grunde genommen. Und wenn jetzt die 200-Tage-Linie steigt, bedeutet es ja, […] dass im Schnitt die 200 Börsenkurse, die da reinfließen, immer höher sind. […] Das heißt, der Trend geht nach oben.“
David Pieper Folge 10: Vom Bankanalysten zum Options-Stillhalter: Wie David Pieper mit technischer Analyse ein zweites Börseneinkommen aufbaut ▶ 1:27:18 auf YouTube

Notmodus mit Cash-Anteil unter der Linie

„Wenn der S&P 500 über seiner 200-Tage-Linie notiert, ist das WG4U voll investiert. Notiert er drunter, ist es zu 70 % investiert. […] 30 % gingen in Cash. Das hat den Drawdown, der dann im April gekommen ist, massiv eingeschränkt.“
Nico Schulze Folge 4: Wie Nico Schulze nach 70 Prozent Depotverlust ein 4-Millionen-Euro-wikifolio aufgebaut hat ▶ 1:45:18 auf YouTube

Unter der 200-Tage-Linie konsequent raus

„Ganz konkret, wenn der Kurs unter die 200-Tage-Linie fällt, spätestens dann, einfach raus. Es kann ein Fehlsignal sein, […] aber das dritte Mal, wenn der Markt wirklich massiv nach unten geht, ist man halt nicht dabei.“
Bernhard Mitterlehner Folge 3: Warum Verluste vermeiden wichtiger ist als Rendite maximieren: Die Momentum-Strategie von Bernhard Mitterlehner ▶ 20:20 auf YouTube

Periode egal, sonst droht Overfitting

„Ob es jetzt die 48er Moving Average ist oder die 50er ist, ist ziemlich egal, weil sobald man ein System baut, das darauf basiert, die Perioden der Moving Average so präzise zu wählen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass man einfach ein Overfitting macht, extrem hoch.“
Michael Pisnyachevskiy Folge 1: Michael Pisnyachevskiy: Wie die Suche nach dem Heiligen Gral im Trading zur Suche nach einem echten Edge wurde ▶ 55:42 auf YouTube

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